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Was auf dem Spiel steht

Die Wahl ist gelaufen. Angela Merkel bleibt Kanzlerin.Und überhaupt ist der ganze Wahlkampf ziemlich langweilig gewesen. So denken in diesen Tagen viele Menschen, so sehen es viele Medien. Aber stimmt das wirklich? Stefan Vetter

Wegbleiben oder hingehen, und was dann ankreuzen, wenn man ganz allein für sich in der Wahlkabine ist? Jeder vierte, vielleicht sogar dritte Wahlberechtigte ist noch unschlüssig. Was kein Zeichen von politischer Ahnungslosigkeit sein muss. Viele wägen ab, denken in taktischen Kategorien. Und die gibt es diesmal zuhauf. Denn mit ziemlicher Sicherheit werden im neuen Bundestag nicht mehr nur fünf, sondern sieben Parteien vertreten sein. Schon deshalb wäre es unangebracht, sich einfach zurückzulehnen.

Die jüngere Wahlgeschichte ist zweifellos reich an unerwarteten Wirrungen und Wendungen. Nach dem Hype um Martin Schulz schien die SPD die drei Landtagswahlen im Saarland sowie in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen schon im Sack zu haben. Doch es kam ganz anders. So galt zum Beispiel auch der Einzug der Linkspartei in den Düsseldorfer Landtag als ausgemachte Sache. Am Ende fehlten ihr dafür gut 8000 Stimmen, was die Abdankung von Hannelore Kraft und die Wiederauferstehung von Schwarz-Gelb an Rhein und Ruhr nach sich zog. Ein politisches Erdbeben, das so kaum jemand auf dem Zettel hatte.

Auch wenn Angela Merkel die Fortsetzung ihrer Kanzlerschaft praktisch nicht mehr zu nehmen ist, so macht es doch einen Unterschied, mit wem sie künftig regiert, und wer wie stark in der Opposition ist. Vor vier Jahren hätte es rein rechnerisch auch eine linke Regierung aus SPD, Linken und Grünen geben können. Aber gesellschaftlich hat es dafür schon damals nicht gereicht - die FDP und die AfD waren seinerzeit nur jeweils knapp an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Beim jetzt anstehenden Urnengang könnten sich die Gewichte noch weiter nach rechts verschieben. Vor allem dann, wenn die AfD stärkste Oppositionskraft werden sollte, was nicht nur mit einer finanziell besseren Ausstattung verbunden ist, sondern auch mit mehr Redezeit an prominenter Stelle und dem Privileg des einflussreichen Haushaltsausschuss-Vorsitzes. All das kann ein Land durchaus verändern. Insofern handelt es sich am Sonntag tatsächlich um eine Richtungswahl.

Als sich die Briten mit knapper Mehrheit für den Brexit entschieden, waren insbesondere jüngere Inselbewohner geschockt. Hatten sie doch ein Europa der offenen Grenzen längst als Selbstverständlichkeit verinnerlicht. Ein großer Teil dieser Altersgruppe war der Wahl damals fern geblieben. Das hat sie bitter bereut. Für Deutschland gilt das genauso: Wer bei der Wahl zu Hause bleibt, der beflügelt am Ende womöglich eine Entwicklung, die er so gar nicht gewollt hat. Und das ist dann weder lustig noch langweilig. Es kommt tatsächlich auf jede Stimme an.

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