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Wahre Freundschaft

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Wenn Angela Merkel in die polnische Hauptstadt Warschau reist, hat sie seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit Heimspiele in der Fremde. Mit Premier Donald Tusk verbindet die Bundeskanzlerin eine politische und auch persönliche Freundschaft. Kommentare Ulrich Krökel / ukr1

Auch die Bürger des Nachbarlandes im Osten verehren die deutsche Regierungschefin, wie immer wieder Umfragen, aber nicht nur die zeigen.

Was wahre Freundschaft wert ist, zeigt sich allerdings oft erst in Krisenzeiten. Dass die Lage in Europa angesichts der imperialen russischen Krim-Politik ernst ist, wissen Tusk und Merkel nur zu gut. Deshalb auch probten Kanzlerin und Premier am gestrigen Mittwoch den Schulterschluss, obwohl ihre Regierungen in der Ukraine-Frage durchaus verschiedene Strategien verfolgen. Berlin mahnt, den Gesprächsfaden mit Moskau nicht abreißen zu lassen. Warschau dagegen setzt auf Härte und Sanktionen statt Diplomatie.

Die unterschiedlichen Ansätze speisen sich aus historischen Erfahrungen. Polen war in den vergangenen Jahrhunderten stets Opfer russischer - und auch deutscher - Aggression. In Berliner Polit-Zirkeln erinnert man sich dagegen noch immer gern an den Erfolg der Ostpolitik Willy Brandts, der auf Wandel durch Annäherung hoffte.

Merkel hat bekanntlich eine weniger romantische Sicht auf Russland als die selbst ernannten Erben des Ex-Kanzlers Willy Brandt. Das mag ihrer DDR-Biografie geschuldet sein. Wie die Polen, so weiß auch die ostdeutsche Kanzlerin, was es bedeutet, der Moskauer Machtpolitik ausgeliefert zu sein. Merkel ist aber viel zu sehr politischer Profi, um außenpolitische Grundregeln zu ignorieren. Die Bundeskanzlerin weiß, dass es nicht im nationalen Interesse Deutschlands ist, Russland aus Europa auszugrenzen.

Das hat keineswegs allein etwas mit Gaslieferungen und Exportchancen zu tun. Russische Soldaten, Panzer und Raketen stehen im Gebiet Kaliningrad zwischen Polen und Litauen, in der Republik Moldau und in Georgien. Und klar ist auch, dass es ohne Moskau weder in Syrien noch im Iran oder in Afghanistan Stabilität und Frieden geben kann.

Die Krim-Krise scheint den Polen in ihrer Sicht auf Russland eher recht zu geben als den Deutschen. Merkel verwies in Warschau auf die unverbrüchliche Verteidigungsgemeinschaft der mitteleuropäischen Länder in der Nato. Das war klug, denn wenn der Westen in Moskau Gehör finden kann, dann nur, wenn zentrale Mächte wie Polen und Deutschland mit einer Stimme sprechen.

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