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| 01:36 Uhr

Verspätete Vernunft

Zwischen Wort und Tat liegen oftmals Welten. Umfragen zufolge wären drei Viertel der Deutschen bereit zu einer Organspende. Stefan Vetter

Aber nur ein Viertel hat tatsächlich einen Spenderausweis. An dieser Kluft ist die Politik nicht unschuldig. Nach geltendem Recht dürfen einem Hirntoten nur dann Herz oder Niere entnommen werden, wenn er zu Lebzeiten eingewilligt hat. Eine wie auch immer geartete Entscheidung aber wird ausdrücklich nicht verlangt. Das führt dazu, dass Jahr für Jahr viele Menschen sterben müssen, weil Spenderorgane Mangelware sind.

Gesundheitsminister Daniel Bahr will diesen traurigen Zustand nun mit einer unkomplizierten Maßnahme ändern. Seine Lösung heißt Erklärungslösung: Im Zuge der ohnehin fälligen Ausgabe von 70 Millionen elektronischen Gesundheitskarten soll sich jeder Versicherte zur Organspende positionieren. Das ist ein sehr vernünftiger Kompromiss. Denn auf der Gesundheitskarte könnte der persönliche Entschluss gespeichert und im Zweifelsfall auch jederzeit korrigiert werden. Eine andere diskutierte Idee, die Widerspruchslösung, bei der ein Betroffener einer Organentnahme ausdrücklich widersprechen muss, würde ohnehin an verfassungsrechtliche Grenzen stoßen. Zu fragen bleibt allerdings, warum Bahr mit seinem Vorschlag erst jetzt aus der Deckung kommt. Schließlich steht schon lange fest, dass der Versand der Gesundheitskarten am 1. Oktober beginnt. Schon bis zum Jahresende müssen demnach rund sieben Millionen Karten verschickt sein. In so kurzer Zeit lässt auch sich auch das beste Verfahren zur Organspende nicht verwirklichen. Für viele Versicherte wird deshalb erst einmal alles beim Alten bleiben. Schade.

politik@lr-online.de