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Vermutlich andere Motive

Schon klar, möchte man meinen. Der neue Stahlkocher-Konzern Thyssenkrupp-Tata will in die Niederlande gehen. Markus Grabitz

Unser Nachbarland steht innerhalb der EU schließlich immer noch im Ruf, eine Steueroase zu sein.

Ganz so einfach ist es wohl nicht. Für die betroffenen Mitarbeiter und deren Familien ist es eine bittere Pille, dass der Konzern seinen Hauptsitz verlagern will. Doch man kann den Verantwortlichen nicht unterstellen, dass sie steuerrechtlich Deutschland und die Niederlande gegeneinander ausspielen wollen. Bei Konzernen wie Thyssenkrupp-Tata, die noch echte Fabriken haben, werden die Profite weltweit grundsätzlich dort besteuert, wo die Wertschöpfung passiert. Das dürfte im Fall des neuen Konzerns vor allem in Indien, aber eben auch noch in Deutschland passieren. Wenn dann die Töchter des Konzerns aus aller Welt Dividenden an die neue Holding mit Sitz in Amsterdam abführen, werden darauf ohnehin keine Steuern fällig. Eine Doppelbesteuerung ist nämlich ausgeschlossen. Vermutlich gibt es also andere Motive dafür, den Sitz der Holding in die Niederlande zu verlagern. Das niederländische Recht gilt etwa als großzügiger, wenn es um Umstrukturierungen innerhalb eines weltweit agierenden Konzerns geht.

Grundsätzlich stimmt die Richtung innerhalb der EU, was die Besteuerung von Unternehmen angeht. Zwar steht eine Einigung über die Bemessungsgrundlage bei der Körperschaftsteuer noch aus. Doch auf Initiative von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sind in den vergangenen Jahren viele Gesetzesvorhaben beschlossen worden, die auf das Stopfen von Steuerschlupflöchern für Unternehmen hinauslaufen. Es gelten aber noch Übergangsfristen. Bis die Gesetze überall greifen, vergehen noch ein bis zwei Jahre. Spätestens 2019 ist dann aber Schluss. Die Niederlande, Luxemburg und die anderen üblichen Verdächtigen haben dann als Steueroasen ausgedient. Dafür darf man Brüssel ruhig loben.

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