ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:45 Uhr

Verkehrsexperten wollen Rechte von Bahnkunden stärken
Geld zurück ab 120 Minuten zu spät

Zugverspätungen sind bei der Deutschen Bahn keine Seltenheit. Jetzt sollen betroffene Reisende mehr Rechte bekommen.
Zugverspätungen sind bei der Deutschen Bahn keine Seltenheit. Jetzt sollen betroffene Reisende mehr Rechte bekommen. FOTO: dpa / Z5328 Jens Wolf
Brüssel. Wenn der Zug mehr als zwei Stunden Verspätung hat, sollen Bahnfahrer künftig den gesamten Fahrpreis zurückbekommen. Dies wollen die Verkehrsexperten im Europa-Parlament durchsetzen.

Mit einer Mehrheit von 39 Stimmen bei zwei Gegenstimmen legten sie ihre Forderungen für die Überarbeitung der EU-weit geltenden Fahrgastrechte fest. Demnach sollen Bahnkunden bereits bei einer Verspätung von 60 bis 90 Minuten die Hälfte des Fahrpreises zurück bekommen. Bei einer Verspätung von 90 bis 120 Minuten sollen 75 Prozent erstattet werden. Die neuen Regeln sollen EU-weit für alle Schienenverkehrsunternehmen gelten, ob privat oder staatlich, regional oder international.

Damit würden die Rechte der Bahnkunden in Deutschland deutlich gestärkt. DB-Kunden haben bislang nach 60 Minuten Verspätung Anspruch auf 25 Prozent Erstattung und ab 120 Minuten Anspruch auf 50 Prozent des Ticketpreises.  Die Bahn hat 2017 nach eigenen Angaben in rund 1,5 Millionen Fällen Kunden entschädigt. Die Gründe dafür waren Verspätungen, Zugausfälle, abends nicht erreichte Anschlüsse und weitere Ursachen. Insgesamt hatte die Bahn 2017 gut zwei Milliarden Fahrgäste.

Bahnunternehmen sollen sich zudem im Fall von Verspätungen künftig nicht mehr mit widrigen Umständen herausreden können. Höhere Gewalt soll nicht akzeptiert werden. Egal, was passiert, ob Sturm, Regen, Erdbeben oder Streik, das Unternehmen muss haften und bei Verspätung die Kunden entschädigen.

Die Verkehrsexperten wollen zudem Verbesserungen im grenzüberschreitenden Verkehr durchsetzen, indem es EU-weit „Durchgangsfahrscheine“ gibt. Das heißt: Künftig sollen Bahnkunden, die wegen einer Zugverspätung ihren Anschluss verpassen, im internationalen Verkehr auch die Züge von anderen Verkehrsunternehmen benutzen können.

Bislang ist es zum Beispiel so, dass DB-Kunden, die in Köln wegen einer Zugverspätung ihren DB-Anschluss nach Brüssel nicht bekommen, zwei Stunden auf den nächsten DB-Zug warten müssen. Wenn sie eine Stunde später den französischen Thalys nach Brüssel nutzen wollen, müssen sie das Ticket Köln-Brüssel aus eigener Tasche bezahlen. Künftig sollen diese Kunden einen Anspruch darauf haben, im Thalys mitzufahren.

Die Bahnen in Europa sollen auch fahrradfreundlicher werden: Die Verkehrsexperten wollen durchsetzen, dass es künftig EU-weit in jedem Zug acht Plätze für die Mitnahme von Fahrrädern gibt.

Das Reisen per Bahn soll für Rollstuhlfahrer einfacher werden: Bei Bahnhöfen mit mehr als 10 000 Kunden am Tag sollen die Bahnunternehmen grundsätzlich dazu verpflichtet werden, ohne vorherige Anmeldung des Betroffenen das Umsteigen zu ermöglichen.

Dies bedeutet, dass Rollstuhlfahrern künftig in Deutschland an so ziemlich jedem ICE-Halt das Umsteigen ermöglicht werden müsste. An Bahnhöfen mit 2000 bis 10 000 Kunden am Tag soll eine dreistündige vorherige Anmeldung ausreichen. Bei kleinen Bahnhöfen mit weniger als 2000 Fahrgästen am Tag soll die Anmeldefrist zwölf Stunden betragen. Auch das ist neu: Künftig sollen Bahnunternehmen es Kunden im Rollstuhl grundsätzlich an allen Bahnhöfen ermöglichen, umzusteigen. Bislang passiert es Rollstuhlfahrern offenbar in Deutschland immer wieder, dass sie von dem Bahnunternehmen per Bus oder Taxi zu einem anderen Bahnhof gefahren werden.

Soweit die Vorschläge der Experten. Im November stimmt das Europa-Parlament darüber ab. Dabei wird mit einer Zustimmung gerechnet. Danach müssen die Mitgliedstaaten zustimmen. Dabei wird mit Widerständen vor allem aus den osteuropäischen Mitgliedstaaten gerechnet. Schon heute ist absehbar, dass die Verhandlungen zwischen Parlament und Mitgliedstaaten frühestens Ende 2019 beginnen können. Verhandlungsführer für das Parlament ist dabei der polnische Sozialdemokrat Boguslaw Liberadzki, der früher in Polen Verkehrsminister war. Die neuen Regelungen werden frühestens 2020 in Kraft treten.

Der Verkehrsexperte der CDU/CSU-Abgeordneten im Europa-Parlament, Dieter-Lebrecht Koch, begrüßt die Entscheidung im Ausschuss: „Mit diesen neuen Regeln bringen wir die Eisenbahnverkehrsunternehmen dazu, pünktlicher und effizienter zu werden.“ Der grüne Verkehrsexperte Michael Cramer sagt: „Die perfekte Kombination Bahn und Rad scheiterte bisher am kleingeistigen Widerstand europäischer Bahnunternehmen. Mit fadenscheinigen Argumenten gegen Fahrradstellplätze in Zügen ist Schluss.“