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| 15:37 Uhr

Fußball
Guardiolas Hass auf Tiki-Taka

Steven Wiesner
Steven Wiesner FOTO: Sebastian Schubert / LR
Man kann Fußball gucken wie ein taktiklimitierter Kuttenträger, der zwischen der nächsten Schiedsrichterbeleidigung und dem nächsten Bier nur auf das nächste Tor wartet. Und man kann Fußball gucken wie Tobias Escher, der es versteht, Zusammenhänge eines Fußballspiels aufzuzeigen, und Spiele im Nachhinein in einer Ausführlichkeit zu analysieren im Stande ist, wie man es früher sonst nur im Deutschunterricht bei Gedichtinterpretationen getan hat. Von Steven Wiesner

Man kann Fußball gucken wie ein taktiklimitierter Kuttenträger, der zwischen der nächsten Schiedsrichterbeleidigung und dem nächsten Bier nur auf das nächste Tor wartet. Und man kann Fußball gucken wie Tobias Escher, der es versteht, Zusammenhänge eines Fußballspiels aufzuzeigen, und Spiele im Nachhinein in einer Ausführlichkeit zu analysieren imstande ist, wie man es früher sonst nur im Deutschunterricht bei Gedichtinterpretationen getan hat.

Bis zu zehn Spiele führt sich Escher nach eigener Aussage zu Gemüte. Pro Woche. „Mich treibt die Frage um, wieso Fußball so gespielt wird, wie er gespielt wird. Was denken sich Trainer bei Strategie und Taktik? Wie verteidigen die Spieler, wie greifen sie an? Was entscheidet über Sieg und Niederlage?“

Dieser profunde Sportjournalist, der schon mit dem Fußballblog „Spielverlagerung.de“ und seinem ersten Buch „Vom Libero zur Doppelsechs“ (2016) auf sich aufmerksam machte, hat sich nun in „Die Zeit der Strategen“ jedweden Akteuren gewidmet, die im modernen Fußball immer wichtiger werden: den Herren an der Seitenlinie. Escher hat elf Exemplare aus dem deutschen und internationalen Fußball porträtiert. Eine Lektüre, die das simple Spiel fast schon zu einer komplizierten Wissenschaft macht.  Escher erklärt, warum Guardiola das Tiki-Taka entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nicht liebt, sondern hasst, warum Mourinho Ein- und Auswechslungen der gegnerischen Mannschaft schon Tage vor einem Spiel vorhersagen kann, und wie Löw es geschafft hat, von einem kaum erfolgreichen und noch weniger  im Ausland gefragten Übungsleiter zum Bundestrainer und Weltmeistermacher zu werden.

Escher zeigt, wie sich Trainer untereinander beeinflussen, wodurch so etwas wie Taktik-Remixe entstehen können, wie man es in der Musikbranche beobachten kann, wenn sich Musiker und DJs verschiedener Stile und Sequenzen anderer Künstler bedienen.

Bei allem Philosophieren und Vergeistigen um das Verdienst von Fußballtrainern liefert das Buch durch den italienischen Erfolgstrainer Maurizio Sarri aber auch die Quintessenz, dass das Spiel am Ende immer noch von den Spielern gespielt und gewonnen werden muss: „Ich war geneigt zu glauben, dass Taktik ein absoluter Wert sei. Jetzt weiß ich, dass das Kind in den Spielern niemals ausgeschaltet werden darf. Der spielerische Aspekt, für den Fußball Fußball genannt wird, darf niemals verdrängt werden. Wenn ein Spieler Spaß hat, macht er das Doppelte, und es ist ein wunderbares Spektakel.“ Ähnlich wie dieses Fußballbuch.

Die Zeit der Strategen: Rowohlt-Verlag, 285 Seiten, 12,99 Euro
Die Zeit der Strategen: Rowohlt-Verlag, 285 Seiten, 12,99 Euro FOTO: roro