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| 18:43 Uhr

Kommentar Bummelstreik in Frankreich
Stunde der Wahrheit

FOTO: LR
Emmanuel Macron hat sich mit seiner Wahl auf einen Langstreckenlauf eingelassen. Nicht erst seit Dienstag dürfte dem Präsidenten bewusst sein, dass die Reformen in Frankreich ein Marathon sind. Der Start gelang dem einstigen Wirtschaftsminister mit der Arbeitsrechtsreform schnell und mühelos. Doch nun könnten die Dauerstreiks gegen die Bahnreform den Staatschef auslaugen. Vor allem, weil Millionen Menschen täglich die Staatsbahn SNCF nutzen. Sie drohen zu unschuldigen Opfer einer monatelangen Kraftprobe zu werden, die der 40-Jährige mit den Gewerkschaften führt. Die Zustimmung zu seiner Reformpolitik könnte so schnell ins Gegenteil kippen. Christine Longin

Für Macron ist mit dem Bahnstreik die Stunde der Wahrheit gekommen. Denn seine Reformpläne kann er nur fortsetzen, wenn er den Konflikt um die SNCF erfolgreich besteht. Für ihn wie für seine Gegner geht es dabei um weit mehr als um die Zukunft der Bahn. Die Öffnung der Märkte, die Globalisierung und auch die Rolle der EU, die die Bahnprivatisierung angestoßen hat, stehen auf dem Spiel. Also alles, für das Macron steht. Die Gewerkschaften sehen sich dagegen im Kampf gegen das Monster des Wirtschaftsliberalismus. Sie setzen dabei auf das Etikett des „Präsidenten der Reichen“, das sie Macron angeheftet haben und das er nun nicht mehr los wird. Nicht ganz zu Unrecht. Denn von seinem Wahlkampfmotto „Liberalisieren und Schützen“ blieb nach einem Jahr im Amt nur noch die erste Hälfte übrig. Die sozial Schwächeren warten weiterhin darauf, dass bei ihnen etwas vom „Macron-Effekt“ ankommt. Der Bahnstreik könnte deshalb durchaus ein Ventil für die Frustration werden, die sich bei Rentnern, Studenten und Beamten angestaut hat.

In jedem Fall ist der 3. April 2018 ist eine Wegmarke, die die weitere Präsidentschaft Macrons bestimmen wird. Entweder er reformiert unbeeindruckt weiter oder er knickt ein und weicht zurück wie François Hollande es vor ihm tat. Im Gegensatz zu seinem einstigen Mentor ist Macron allerdings ein Sportler. Zwar kein Marathonläufer, aber ein Tennisspieler. Einer, der weiß, dass solche Spiele Stunden dauern können und dass die ersten Minuten nicht viel über den Verlauf eines Matchs aussagen. Eine wichtige Erfahrung, die der Präsident hoffentlich in die Politik mitgenommen hat. Denn die Streikbewegung gegen die Bahnreform könnte lang werden und Frankreich braucht dazu einen Staatschef mit langem Atem.