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| 18:24 Uhr

US-Rückzug aus Syrien
Strategischer Fehler

 Martin Gehlen
Martin Gehlen FOTO: MOZ
Gedacht war der vormittägliche Twitter als Weihnachtsgeschenk des Weißen Hauses an die Soldatenfamilien. Am Ende jedoch verblüffte der elektronische Mehrzeiler Freund und Feind rund um den Globus. Von Martin Gehlen

Die US-Truppen kommen heim, der Islamische Staat ist besiegt, der Einsatz in Syrien beendet, deklamierte Donald Trump in der Woche vor Heiligabend, derweil das Pentagon frenetisch versuchte, diesem einsamen Vorstoß seines Obersten Feldherrn die Spitze zu nehmen. Doch der will im Nahen Osten nicht mehr den Polizisten spielen. Jetzt sollten beim Kämpfen mal andere ran, twitterte Trump an seine Kritiker in den eigenen Reihen.

Die negativen Folgen für das strategische Ansehen der Vereinigten Staaten in der nahöstlichen Unruheregion nimmt der US-Präsident damit bewusst in Kauf. Die europäischen Verbündeten protestieren entsetzt. Die kurdischen Mitkämpfer, die bislang unter hohen Verlusten das militärische Rückgrat gegen die Terrormiliz bildeten, fühlen sich verraten und im Stich gelassen. Trumps Lieblingsfeind Teheran dagegen frohlockt. Bei der syrischen Nachkriegsordnung haben Iran, Türkei und Russland künftig freie Hand. Entsprechend großzügig fiel das Lob von Kremlchef Wladimir Putin aus.

Der Islamische Staat allerdings bleibt durch Trumps Entscheidung auf Jahre eine unkalkulierbare Gefahr. Seine fähigsten Gegner, die kurdischen Brigaden, werden sich nach dem Twitter-Tiefschlag schon bald in ihre nordöstlichen Heimatgebiete zurückziehen, um dort dem türkischen Nachbarn Recep Tayyip Erdogan die Stirn zu bieten. Die halb-autonome kurdisch-syrische Führung könnte versuchen, der drohenden Invasion Ankaras mit einem nationalen Pakt mit Bashar al-Assad zu begegnen. Dann wehen syrische Regimefahnen bald wieder auf den kurdischen Rathäusern und Polizeistationen. Und der Diktator von Damaskus müsste nur noch die letzte Rebellenenklave Idlib zurückerobern, um sein Land wieder völlig unter Kontrolle zu bekommen.

Ohne eine schlagkräftige kurdisch-amerikanische Truppenpräsenz auf dem ehemaligen Territorium des „Islamischen Kalifates“ werden die IS-Kommandos schon bald ihr Comeback machen. Weder im Irak noch in Syrien sind die Gotteskrieger besiegt, auch wenn die von US-Spezialkräften trainierten Syrisch-Demokratischen Streitkräfte (SDF) derzeit mit dem Euphrat-Städtchen Hajin eine der letzten IS-Bastionen zurückerobern. Die Dschihadisten genießen nach wie vor Rückhalt in Teilen der frustrierten Bevölkerung. Und sie profitieren auch jetzt wieder von Staatsversagen, Dauermisere und Anarchie. ⇥politik@lr-online.de