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Steinmeiers Missgriff

Es ist wahrscheinlich, aber noch keineswegs ausgemacht, dass Hillary Clinton Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei der USA wird. Weitere Demokraten werden sicherlich ihren Hut in den Ring werfen. Kommentar Werner Kolhoff

Vielleicht sogar welche, die ebenso das "politische Handwerk beherrschen" wie die 67-Jährige. Dann hätte SPD-Mann Frank-Walter Steinmeier mit seinem offenen Werben für Clinton auch parteipolitisch ein Problem, denn die befreundeten Demokraten würden ihn fragen, warum er sich so früh festgelegt hat, noch ehe sie selbst entschieden haben.

Und überhaupt noch nicht ausgemacht ist, ob bei den Wahlen im November nächsten Jahres der demokratische Bewerber oder der republikanische gewinnt. Wenn Letzteres geschieht, hätte nicht nur der SPD-Mann Steinmeier ein Problem, sondern vor allem der deutsche Außenminister Steinmeier. Schließlich muss er mit jenem US-Kollegen kooperieren, den der neue Präsident ernennen wird, ob er nun der einen oder der anderen Partei angehört. Manchmal sogar nächtelang, wie zuletzt bei den Atomverhandlungen in Genf.

Deshalb ist es langjährige und wohlbegründete Staatspraxis, dass Amtsinhaber der einen Nation sich nicht in demokratische Wahlauseinandersetzungen der anderen einmischen. Frank-Walter Steinmeier ist der wahrscheinlich besonnenste deutsche Außenminister seit sehr langer Zeit, er wägt die Folgen jedes seiner Worte stets besonders sorgsam ab.

Umso seltsamer, dass er sich per Zeitungskolumne jetzt so offen für Hillary Clinton ins Zeug wirft, kaum dass diese ihre Kandidatur erklärt hat. Eine verständliche Emotion nach langer Zusammenarbeit mit der Ex-Kollegin, die er persönlich schätzt? Vielleicht. Aber dennoch ein klarer Missgriff.

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