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| 19:27 Uhr

Kontra Unwort des Jahres
Sprachkritisches Strohfeuer

 Guido Bohsem
Guido Bohsem FOTO: LR
Es kommt nicht oft vor, dass die Bewohner der linguistischen Elfenbeintürme ihre Fenster öffnen und etwas hinabrufen. Beim „Wort des Jahres“ tun sie das, beim „Sprachpanscher des Jahres“ ebenso und jetzt mal wieder beim „Unwort des Jahres“. Von Guido Bohsem

Die Initiatoren solcher gut gemeinter Aktionen erfahren dann stets viel Aufmerksamkeit, und ihr Anliegen ist ja auch nicht verkehrt. Sprache formt schließlich das Denken, Sprachgebrauch ist eine Frage von Macht. Allerdings bringen solche sprachkritischen Strohfeuer wie die Ausrufung eines „Unwortes“ nicht viel, und das ist in diesem Jahr besonders deutlich zu sehen.

Wenig überraschend hat sich die Jury diesmal für „Anti-Abschiebe-Industrie“ entschieden, ein scheußliches Wort, das zeigt, wie zynisch im vergangenen Jahr über Zuwanderer gesprochen wurde. Aber klingt „Anti-Abschiebe-Industrie“ nicht verdächtig nach „Sozialtourismus“? Dieser Begriff wurde schon vor sechs Jahren „Unwort des Jahres“ und diente bereits damals dazu, Stimmung auf Kosten von Zuwanderern zu machen - mit dem einzigen Unterschied, dass die damals aus Osteuropa stammten und jetzt überwiegend aus Nahost. Das allein zeigt bereits, wie wirkungslos die Aktion ist. Und blickt man auf die anderen Unworte seit 1991, dann wird klar: Ihre Benennung hat wenig bis nichts dazu beigetragen, die Menschen sprachsensibler zu machen.

Zugleich wächst die Gefahr, dass die Benennung eines „Unwortes“ sogar schadet. Sie ist Wasser auf die Mühlen all derer, die ohnehin schon „Sprachverbote“ beklagen. Denn sie ächtet von oben herab einen bestimmten Sprachgebrauch und ist anschließend nicht in der Lage, diese Ächtung zu erklären und zu debattieren. Dafür bräuchte sie nämlich Zeit - also genau das, was ein kurzer Ruf aus dem Elfenbeinturm eben nicht bieten kann. ⇥politik@lr-online.de