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Siemens-Werksschließungen
Dünne Eisdecke im Osten

Werner Kolhoff
Werner Kolhoff FOTO: Redaktion / LR
Werksschließungen sind auch im Westen Tiefschläge. Im Osten aber bedeuten sie oft den Knockout. Das ist am Beispiel Siemens schlagartig deutlich geworden. Görlitz hat sich mit Mühe etwas berappelt – jetzt macht der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber dicht. Ebenso in Leipzig. Und das, obwohl Siemens prächtig verdient. Es rächt sich, dass es praktisch keine Konzernzentralen im Osten gibt. Da sind die Skrupel geringer. Die Durchschnittszahlen für die neuen Länder mögen gut sein. Nur noch 8,5 Prozent Arbeitslosigkeit, fast gleiche Löhne in den tarifgebundenen Betrieben (das sind aber weniger als die Hälfte).  Aber eine Kuh kann auch in einem durchschnittlich nur 20 Zentimeter tiefen Teich ersaufen – wenn der Teich Untiefen hat. In Berlin, das immer noch strukturschwach ist, sind 2500 Airberlin-Mitarbeiter schlagartig arbeitslos geworden, über den Braunkohlerevieren der Lausitz schwebt das Damoklesschwert des Kohleausstiegs und über den Opel-Standorten das vom französischen Mutterkonzern verfügte Sparprogramm. Werner Kolhoff

 Im Osten sind solche Schläge auch von den betroffenen Menschen schwerer zu verdauen als im Westen. Sie haben weit weniger Vermögen, um magere Zeiten zu überbrücken, und vor Ort meist keinerlei Jobalternativen. Die Infrastruktur ist mittlerweile gut. Aber eine Autobahn nützt wenig, wenn es keine Arbeit gibt. Wenn sie zu leergelaufenen  Kleinstädten und Dörfern führt. Die Entwicklung zeigt, dass der Aufschwung Ost noch keine tragende, sondern eine trügerische Eisdecke ist. Der Solidarpakt läuft übernächstes Jahr aus, mit ihm irgendwann auch der Soli. Wer glaubt, dass bedeute auch, dass man diesem Landstrich in Deutschland künftig nicht mehr sehr gezielt helfen müsse, der irrt gewaltig. Stoff für die nächsten Koalitionssondierungen.