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| 15:34 Uhr

Ein Leben auf zwei Rädern
Was das Leben ausmacht

Ingrid Hoberg
Ingrid Hoberg FOTO: LR / Sebastian Schubert
Was das Leben eines Menschen ausmacht, passt selten zwischen zwei Buchdeckel. Das gilt ganz sicher für einen Mann wie Siegfried Kühn. 1935 in Breslau geboren, war ihm ein Leben hinter der Kamera nicht in die Wiege gelegt. Von Maiken Kriese

Ehe er Regisseur und Drehbuchautor wird, durchlebt er eine Kindheit bei seinen Großeltern. Eine besondere Verbindung bleibt ein Leben lang zu seiner Oma-Mutter, wie er die Großmutter nennt. Carmen-Maja Antoni wird sie in „Kindheit“ darstellen – in dem Film, den er Ende der 1980er-Jahre bei der Defa dreht. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. „Friedrichs Lehr- und Wunderjahre“ nennt er das Kapitel, in dem die Jugendzeit nach dem Krieg bei der Mutter und dem Schieber-Stiefvater in West-Berlin und die Lehre unter Tage im Mansfelder Land im Mittelpunkt stehen. Er absolviert ein Studium und wird Bergbauingenieur. Doch es zieht ihn nicht nur in den Berg, es zieht ihn auch in die Dunkelheit des Kinos und zur Filmkunst. Er studiert in Moskau an der Filmschule, lernt bei Sergej Gerassimow und legt in den Studios der Mosfilm seinen ersten Film vor. Doch er kehrt zurück, arbeitet zunächst am Deutschen Theater in Berlin. „Im Spannungsfeld“, sein erster Film bei der Defa, entsteht 1969/70. Angestellt im Defa-Studio für Spielfilme, inszeniert er dann in 20 Jahren zwölf Filme. Dazu gehören „Zeit der Störche“, „Wahlverwandtschaften“ oder „Die Schauspielerin“ – ein internationaler Erfolg. Hauptdarstel­lerin Corinna Harfouch wurde 1988 beim Internationalen Filmfest Karlovy Vary als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Für ihn selbst ist „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“ mit Fritz Marquardt wohl das bedeutendste Werk.

So eigenwillig wie dieser Film ist sein Regisseur und bleibt es Siegfried Kühn auch als Autor einer Autobiografie, die nicht viel mit diesem Genre gemein hat. Wer Enthüllungsgeschichtchen aus der Filmwelt erwartet, wird enttäuscht. Die Beschreibung des Verlags als Montage von Fiktion und Wirklichkeit mit einem komisch-satirischen Blick kommt dem Buch viel näher. Sein Pro­tagonist Friedrich hat viele Freiheiten, wie viel Siegfried Kühn darin steckt, lässt sich vielleicht bei der nächsten Lesung im Gespräch erkunden – und die Frage, was hinter dem Buchtitel steckt.

Lesung am Sonntag, 21. Oktober, um 15 Uhr im Geisendorfer Literaturforum mit Siegfried Kühn

Siegfried Kühn: Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt. Verlag Neues Leben. 224 Seiten, 19,99 Euro
Siegfried Kühn: Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt. Verlag Neues Leben. 224 Seiten, 19,99 Euro FOTO: Verlag Neues Leben