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| 01:32 Uhr

Sicher, aber nicht perfekt

RUNDSCHAU-Chefreporterin Simone Wendler
RUNDSCHAU-Chefreporterin Simone Wendler FOTO: Behnke
Es ist der wissenschaftlich-technische Fortschritt, der häufig Euphorie auslöst. Das Althergebrachte wird mit Nachsicht belächelt, nur das Neue zählt. Von Simone Wendler



Der genetische Fingerabdruck in der Polizeiarbeit ist dafür ein Beispiel. Der klassische Fingerabdruck schien wie ein Klappfahrrad neben einem Sportwagen, seit es die Möglichkeit gab, typische Muster des genetischen Materials eines Menschen zu bestimmen. Nach Jahren konnten mit dem DNA-Test spektakuläre Verbrechen doch noch aufgeklärt werden. Und die nötigen Materialmengen wurden immer kleiner. Inzwischen reichen wenige Zellen aus, um einen genetischen Fingerabdruck zu bestimmen. Eine ansehnlich gewachsene DNA-Datei beim Bundeskriminalamt erleichtert die Ermittlungen erheblich.

Doch nun zeigt sich: Auch der Fortschritt hat Grenzen. Der DNA-Test droht durch das „Phantom von Heilbronn“ infrage gestellt zu werden. Seit 1993 geistert nämlich eine DNA-Spur durch Süddeutschland und Österreich, hinter der sich vermutlich nur eine Verunreinigung von Probestäbchen verbirgt.

Bekannt geworden war diese genetische Spur einer Frau in Zusammenhang mit dem brutalen Mord an einer jungen Polizistin in Heilbronn. Bis heute hat diese Spur kein Gesicht, aber immer mehr verwirrende Details. Denn sie zieht sich so kreuz und quer durch Deutschland und Österreich, dass es ausgeschlossen scheint, dass sich dahinter eine real existierende Straftäterin verbirgt. Viel wahrscheinlicher ist es inzwischen, dass das „Phantom von Heilbronn“ eine Mitarbeiterin von Hersteller- oder Verpackerfirma der Teststäbchen ist, mit der die DNA-Proben genommen werden. Die inzwischen so hohe Empfindlichkeit des Testes ist Segen und Fluch. Die kleinste Spur reicht zum Nachweis, die kleinste Verunreinigung zur Katastrophe.

Hat der DNA-Test nun ausgedient? Ist seine Beweiskraft dahin? Zweimal eine klares Nein. Der genetische Fingerabdruck bleibt ein wichtiges Mittel der Aufklärung von Straftaten. Denn außer bei eineiigen Zwillingen ist das DNA-Profil bei jedem Menschen auf dieser Welt verschieden. Die Angst, ein Unschuldiger könnte durch vorherige „Verunreinigung“ einer Tatortprobe unter Verdacht geraten, ist unbegründet. Denn dazu müsste genetisches Material dieses Menschen und nicht das irgendeines Mitarbeiters des Test herstellers an das Wattestäbchen gelangen.

Veränderung wird das „Phantom von Heilbronn“ aber sicher in das Denken manches Kriminalisten bringen. Der Fall zeigt nämlich auch, dass eine DNA-Spur keine absolute Sicherheit bietet, in die richtige Richtung zu ermitteln. Denn im Fall des Polizistenmordes von Heilbronn richtete sich der Blick der Ermittler offensichtlich fast zwei Jahre lang wirklich auf ein Phantom.