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Schweigen geht nicht länger

Johannes M. Fischer - Chefredakteur
Johannes M. Fischer - Chefredakteur FOTO: LR
Welche Dreistigkeiten eigentlich will sich die deutsche Gesellschaft noch bieten lassen? Wie viel Kriminalität will sie noch dulden? Gehört das wirklich zu einer starken Demokratie, all den Müll zu ertragen, der sich aus einer xenophoben, zuweilen auch rechtsextremen Gesinnung heraus über die schweigende Gesellschaft ergießt? Klare Antwort: Nein! Demokratie muss wehrhaft sein und darf sich nicht der Illusion hingeben, dass das alles schon vorbeigeht, wenn man sich nur lange genug Augen, Ohren und Mund zuhält. Von der "großen Politik", die sich in Wahlkämpfen so gerne vor Ort präsentiert, muss deutlich mehr kommen als wohlgemeinte Ermahnungen aus dem politischen Elfenbeinturm. Kommentare Johannes M.Fischer

Und auch über diverse Rechtsvorschriften und das Maß der Strafen sollte schleunigst nachgedacht werden - Sachbeschädigung ist nicht gleich Sachbeschädigung, wenn das Graffito an der Wand eine neonazistische Botschaft enthält, auch wenn diese nur indirekt formuliert wird. Hier wäre es an der Zeit, mit einer ähnlichen Kreativität die Gesetze zu durchforsten, wie der Staat es tut, wenn es darum geht, den Bürgern die Steuergroschen aus der Tasche zu ziehen.

Aber Vorsicht! Es ist viel zu einfach, immer nur etwas von der "Politik" zu fordern, denn erstens gibt es dann doch eine Reihe von engagierten Politikern, die es immer wieder schaffen, aus der Routine des politischen Betriebs auszubrechen und an der Basis zu arbeiten. Und zweitens besteht Verwechslungsgefahr. Gerade auf den unteren Ebenen der Politik, vornehmlich in den Landkreisen, den Städten und Dörfern, verrichten die teilweise ehrenamtlich arbeitenden Frauen und Männer sehr oft einen Knochenjob, reiben sich auf für das Wohl ihrer Kommune. Sie haben weder Bodyguards noch Panzerglas, dürfen aber alle Probleme vor Ort lösen, die mit der Flüchtlingsproblematik zusammenhängen. Und sie sind es, die sich mit wüsten Anfeindungen und feisten Drohungen herumschlagen müssen.

Das Thema Fremdenfeindlichkeit ist aber keineswegs nur ein Thema der Politik. Es geht jeden etwas an. Jeder muss sich die Frage stellen, wie weit er sich in seinem Menschsein verbiegen lassen will, nur weil er seine Ruhe haben will.

Machen lässt sich viel, oft fängt es im Kleinen an: Darf ich wortlos zulassen, dass der Nachbar, selbst zerfressen von jahrelangem Neid auf andere, plötzlich all jene verächtlich macht, von denen er glaubt, dass sie noch weiter unter ihm stehen? Darf ich schweigend zulassen, dass sich ausgerechnet jene als Helden wähnen, die sich tatsächlich nur in der Anonymität sicher fühlen oder wenn sie einen zu viel getrunken haben?

Hasser, Neider und Menschen mit asozialen Verhaltensweisen wird es vermutlich immer geben. Aber eine offene und selbstbewusste Gesellschaft sollte ihre Feinde kennen. Und deutliche Grenzen setzen.

johannes.m.fischer@lr-online.de