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| 17:10 Uhr

Kommentar zu SUV-Scham, SUV-Scham, SUV-Scham
Scheitern im Verzicht

FOTO: LR
Wann haben Sie sich zuletzt geschämt, wirklich geschämt? Den meisten dürfte dieses Erlebnis deutlich unangenehm in Erinnerung geblieben sein. Scham gilt nämlich als eine der stärksten Empfindungen, die einen Menschen erfassen können. Von Guido Bohsem

Flugreisen, ein großes Auto, Wegwerf-Geschirr oder Grillwürstchen lösen ein so tiefes Gefühl eher nicht aus. Und doch häuften sich in den letzten Wochen Scham-Komposita. Doppelworte wie Flugscham, SUV-Scham, Plastikscham, Fleischscham bevölkern derzeit Zeitungen und Internet wie die Wespen den Pflaumenkuchen im Spätsommer.

Die Wörter sind nicht nur lästig, sie sollen auch stechen. Ihr Ziel ist es, den Mitmenschen an seiner Ehre zu packen und ihn davon zu überzeugen, sich ökologischer zu verhalten. Da verschmilzt die idealistische Vorstellung, dass man nur bei sich selbst beginnen muss, um die Welt zu ändern, mit protestantischem Rigorismus. Eine unangenehme Mischung, die zu allem Übel in Sachen Klimaschutz nur wenig nutzt. Im Gegenteil, der Selbstverzicht und die moralischen Appelle an die andern könnten der Sache sogar schaden.

Das liegt an der Größe der Aufgabe. Für das Projekt Klimaschutz ist der individuelle Beitrag einfach zu klein. Wer darauf setzt, muss scheitern. Die moralisch Gezwungenen und schließlich sogar die Willigen werden frustriert, weil sie auch bei größter Anstrengung keine Veränderung durch ihr Tun erkennen werden. Nein, die Erderwärmung zu stoppen, ist nicht die Aufgabe des Einzelnen. Es handelt sich um eine Menschheitsaufgabe.  Nur im internationalen, zumindest aber im nationalen Rahmen kann der Ausstoß von Kohlendioxid ausreichend begrenzt werden, um die Welt zu retten.

Der Staat als wirkungsvollste Ordnungsmacht muss vorgeben, wie er die Klimaziele erreichen möchte. Das kann nicht ohne Belastungen für die Wirtschaft und für den Einzelnen funktionieren – und diese werden weit über ein paar Ausgleichzahlungen für Flüge oder höhere Preise für das Steak hinausgehen. Die ökologische Frage kann deshalb nicht mehr länger ohne die soziale Frage diskutiert werden – insbesondere jetzt, wo der Aufschwung in Deutschland zu Ende geht.

Preiserhöhungen treffen immer diejenigen besonders hart, die sich ohnehin nicht sehr viel leisten können. Verzicht fällt ihnen schwer, sei er nun freiwillig oder staatlich erzwungen.

Die gigantisch anmutenden Ausgleichszahlungen für die Braunkohleregionen und die von Arbeitslosigkeit bedrohten Bürger sind lediglich der Anfang. Wer einen breiten Umbau hin zu einer klimafreundlichen Gesellschaft will, muss deutlich mehr Steuergeld bereitstellen, über neue Formen von Steuern und Abgaben sprechen, für sie werben.

Denn diese Mittel müssen nicht nur den sozialen Ausgleich im ökologischen Staat finanzieren, sie müssen auch massiv in neue Technologien fließen, die sowohl dem Klimawandel selbst als auch seinen Auswirkungen entgegenwirken. Für Scham bleibt da  ebenso wenig Zeit wie für übertriebenen Moralismus.

politik@lr-online.de