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| 02:34 Uhr

Rütteln am Kanzlerzaun

Nach nunmehr sieben Umfragen, die alle für die SPD einen Rekordzuwachs zwischen sechs und zehn Prozentpunkten messen und Martin Schulz' persönliche Werte teilweise schon vor denen Angela Merkels sehen, kann man nicht mehr von einer Eintagsfliege sprechen. Der Herausforderer rüttelt wirklich am Zaun des Kanzleramtes, so wie es Gerhard Schröder nach 16 Jahren Helmut Kohl im Jahr 1998 getan hat. Werner Kolhoff

Der Hype könnte noch lange halten. Angela Merkel hat den Zenit ihrer Macht erkennbar überschritten. Zwar ist der Wunsch nach ihrer Ablösung längst nicht so ausgeprägt wie seinerzeit bei Kohl, aber er ist da, auch in den eigenen Reihen. Merkels mürrischer Start in ihre vierte Kanzlerkandidatur hat diese Stimmung verstärkt, ebenso der verheerende Streit mit der CSU. Sie will nicht mehr, sie kann nicht mehr - also wählen wir sie auch nicht mehr. So beginnen viele zu denken.

Inzwischen reicht Schulz' Ausstrahlung von links bis ins AfD-Lager. Die SPD beginnt, sich ihrem maximalen Wählerpotenzial zu nähern, während die Union nach allen Seiten hin verliert. Das Thema Gerechtigkeit wird wieder glaubhafter mit der SPD verbunden.

Dabei ist Schulz bisher nur eine Projektionsfläche für alle möglichen Wünsche und Sehnsüchte. Seine Aussagen sind denkbar allgemein und bieten kaum Angriffspunkte. Der Wahlprogramm-Parteitag wurde auf Ende Juni verschoben, wohl auch, um diesen Zustand so lange wie möglich zu halten. Beschwerden aus der Union darüber wirken allerdings nachgerade kurios: Nebulöse Wahlkämpfe sind Merkels Erfindung. Der schnelle Versuch, Schulz Skandale aus der Zeit im Europaparlament anzuhängen, hat bisher nicht gezündet; die aufgedeckten Vorgänge sind sehr kleinteilig und zum Teil schon länger bekannt.

Hinzu kommt der Eindruck, die Union sei nervös und reagiere unfair. Überzogene Attacken, vor denen Merkel intern gewarnt hat, haben dazu beigetragen. Schäubles Vergleich mit Trump etwa, oder Kauders Vorwurf, der Sozialdemokrat sei als Kanzler "untragbar", weil er Europa vor Deutschland stelle. Dieser Vorwurf wird im Übrigen fast wortgleich von Rechtspopulisten auch gegen die Kanzlerin erhoben, Kauder macht ihn hoffähig.

Der wunde Punkt des SPD-Kanzlerkandidaten liegt woanders: In seiner fehlenden Machtperspektive. Im Moment zum Beispiel könnte auch er nur Vizekanzler einer Großen Koalition unter Angela Merkel werden, wenn auch mehr auf Augenhöhe. Das wäre seinen Anhängern zu wenig.

Schulz muss versuchen, das Momentum, das er jetzt hat, bis zum Wahltag zu halten, um daraus glaubwürdig eine Entscheidungsschlacht machen und auf den letzten Metern an Merkel vorbeiziehen zu können. Sein scheinbar übermütiges "Ich will Kanzler werden" hat hier seinen realen Grund: Nur wenn erst seine Partei und dann auch die Wähler glauben, dass es so kommen könnte, kommt er in die Nähe dieser Chance.

politik@lr-online.de