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| 19:40 Uhr

Wie der Grüne die Debatte entschärfen will
Der mit dem Wolf kam

Schäfer Knut Kucznik (l.) erzählt in Hirschfelde (Barnim) Grünen-Chef Robert Habeck, wie er seine Herde vor Wölfen schützt.
Schäfer Knut Kucznik (l.) erzählt in Hirschfelde (Barnim) Grünen-Chef Robert Habeck, wie er seine Herde vor Wölfen schützt. FOTO: Moz
Hirschfelde. Grüne und der Wolf –  fast eine Liebesbeziehung. Doch Parteichef Habeck schlägt in Brandenburg neue Töne an.  dpa

Es ist Zuneigung auf den ersten Blick: Eigentlich soll der Hütehund im Barnim-Dorf Hirschfelde einfach nur die Schafe bewachen und Annäherungsversuche von fremden Menschen konsequent wegbellen. Doch was macht er? Er kommt neugierig zum Grünen-Chef Robert Habeck hergelaufen und lässt sich von ihm ausgiebig streicheln. Schäfer Knut Kucznik verfolgt das Treiben seines schönen weißen Pyrenäen-Berghundes mit kritischem Blick. Immerhin bemerkt Habeck seinen Fehltritt, zieht schnell die Hand zurück.

Die Grünen und die Natur – einerseits passt das perfekt, denn Umweltschutz, Artenvielfalt und Klimarettung sind Habeck wie jedem anderen in der Ökopartei eine Herzensangelegenheit. Andererseits bemängeln Kritiker, dass der grünen Naturbegeisterung manches Missverständnis zugrunde liegt. Vor allem regt ein es Jäger und viele andere so richtig auf: die Liebe der Grünen zum Wolf.

Laut Umfragen bereitet er einem Fünftel der Bundesbürger Sorgen, der Räuber, der sich in Deutschland immer mehr breitmacht und Schafe reißt. Auf dem Land ist es sogar ein Viertel. Union, SPD und AfD haben die Ängste aufgegriffen und fordern eine Bekämpfung des Raubtiers bis hin zum systematischen Abschuss. Habeck lehnt das zwar ab. Aber auch der Grünen-Chef weiß, dass er auf die Bürgersorgen reagieren muss. Denn sollte sich der Eindruck verfestigen, dass seiner Partei das Wohlergehen des Wolfs wichtiger ist als das des Menschen, wäre das für die Grünen sehr gefährlich. Und das, wo im ländlich geprägten Ostdeutschland demnächst mehrere Landtagswahlen anstehen. Was also tun? Am besten reden – zum Beispiel mit einem Schäfer, der jede Nacht befürchten muss, dass seine Schafe ungebetenen Besuch hatten.

„Da drüben, keine drei Kilometer von hier, soll ein Wolfsrudel leben.“ Knut Kucznik deutet hinüber zum früheren Militärflughafen Werneuchen. Gesehen hat er das „Pärchen mit Wurf“, wie er sagt, noch nicht. Und er glaubt auch, dass sein Elektrozaun sowie die zwei Hütehunde einen Angriff abwehren würden. Aber ganz sicher sei er da nicht.

Der 52-Jährige aus Altlandsberg (Märkisch-Oderland) gehört anders als viele andere Schäfer nicht zu den unbedingten Wolfsgegnern. Ein Nebeneinander von Schafzucht und räuberischen Wildtieren sei möglich, sagt er. Zwar gebe es keinen 100-prozentigen Herdenschutz. „Aber man muss einen vernünftigen Zaun bauen. Das gehört zur Grundausstattung jedes Schäfers.“ Gegen andere „Beutegreifer“ – Kucznik meint damit Schafdiebe – sei es erheblich schwerer, die Herde zu verteidigen.

Die in Brandenburg geltenden Regelungen zum Wolfsmanagement lobt Kucznik. Seine Hunde und das Installieren von Zäunen habe er bezahlt bekommen, sagt der Vorsitzende des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg. Für die Haltung der Hunde wünsche er sich allerdings zusätzliche Zuschüsse.

Großes Streitthema beim Wolf ist die Frage, in welchen Fällen die Tiere geschossen werden dürfen. In Brandenburg, wo man durch die großen Wolfspopulationen vor allem im Süden des Landes viel Erfahrung mit dem Rückkehrer gesammelt hat, gilt das Prinzip: Nur Problemwölfe dürfen getötet werden, also Tiere, die ihre natürliche Scheu vor dem Menschen verloren haben und deshalb eine Gefahr für ihn darstellen. Kucznik findet das in Ordnung so.

Habeck hat dem Schäfer die ganze Zeit konzentriert zugehört. Ab und zu fragt er nach und will zum Beispiel wissen, ob der Mann die staatliche Entschädigung von einem Euro für ein gerissenes Schaf für angemessen halte. Antwort: Natürlich nicht. Anschließend bei einem Gespräch, an dem auch Mathias Graf von Schwerin und Eckhard Fuhr vom Ökologischen Jagdverein Brandenburg teilnehmen, spannt Habeck einen großen Bogen von den geforderten Wolfs-„Obergrenzen“ über die Migrationsdebatte bis zu Trumps „Make America great again“ und zur Brexit-Losung „Take back Control“. „Ich habe nichts gegen die Worte ,groß‘ und ,Kontrolle‘, sehr wohl aber etwas gegen die Behauptung, dass in der Vergangenheit alles besser gewesen sei“, sagt er. Das gelte auch für das Bedürfnis, in eine Zeit zurückzukehren, in der es in deutschen Wäldern keinen Wolf mehr gab. Aus seiner Sicht werde diese Diskussion viel zu sehr „mit Emotionalität statt mit Rationalität“ geführt. Dabei seien pragmatische Lösungen gefragt. „Wie können wir den Indern sagen, rettet eure Tiger, wenn wir selbst dabei sind, unserer Wildtiere auszurotten?“, fragt Habeck.