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| 01:04 Uhr

Realitätsverlust

Die Begehrlichkeiten der deutschen Industrie- und Handelskammern sind grenzenlos. Noch nicht einmal zwei Wochen ist die Arbeitsmarktreform Hartz IV in Kraft, da fordert der Unternehmerverband schon das Fallen weiterer Schranken.

Dass die Ein-Euro-Jobs arbeitsmarktpolitisch ohnehin umstritten sind, lässt den DIHK kalt. Stattdessen verlangt er danach, zu neuen Billig-Konditionen Langzeitarbeitslose auch in den Unternehmen beschäftigen zu dürfen.
Sehen diese Verbandsvertreter ihre Aufgabe eigentlich nur noch darin, ihren Mitgliedsfirmen Arbeitskräfte möglichst zum Nulltarif zu beschaffen„ Ist nur noch der Mitarbeiter ein gern gesehener, der am besten gar keinen Lohn mehr nimmt“ In seiner Maßlosigkeit hat der DIHK offenbar jeden Bezug zur Realität verloren. So betörend die Vorstellung auch ist, dass Personal kaum noch etwas kostet: Auf Dauer leiden darunter nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die Betriebe.
Das Handwerk ist sich dieser Gefahr bewusster. Kein Wunder. Der Bäcker, der Heizungsbauer, der Maler müssen anders als produzierende Industriebetriebe von der Region leben, in der sie arbeiten. Damit kann ihnen weder daran gelegen sein, dass sie ihre Dienstleistungen für einen Apfel und ein Ei anbieten müssen, noch dass die Menschen nichts mehr verdienen. Denn aus genau diesem Geld speisen sich ihre Aufträge.
Das simple Verständnis für die doppelte Bedeutung des Einkommens kommt in der wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland immer weiter abhanden. Daran ist Rot-Grün nicht schuldlos. Mit Hartz IV rief sie die Geister, die sie jetzt nicht los wird.
Dabei weiß jeder Wirtschaftsstudent im ersten Semester: Eingriffe in den Arbeitsmarkt beeinflussen immer zweierlei: die Arbeitskosten und die Binnennachfrage. Selbst wenn Ein-Euro-Jobs flächendeckend eingeführt würden, entwickeln sich beide Komponenten parallel. Es wird nichts mehr verdient - aber auch nichts mehr gekauft. Einzig derjenige profitiert von einem solchen Schritt, der seine Güter außerhalb des Landes anbietet und nicht auf die inländische Kaufkraft angewiesen ist.
Die DIHK-Forderung gibt damit auch einen Einblick in die internen Machtverhältnisse der Kammerorganisation. Die vielen kleinen, zwangsweise in der IHK vertretenen Händler und Dienstleister können unmöglich ein Interesse am Lohndumping und der Verdrängung sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze haben. Gegenüber den Ton angebenden, international agierenden Konzernen haben sie scheinbar nichts zu melden.