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| 17:02 Uhr

Pressefreiheit
Warum die LR Russland und Putin kritisiert

Cottbus. Geht es um russische Politik oder den russischen Präsidenten Wladimir Putin, liegen die Kommentatoren der Lausitzer Rundschau und Leserbrief-Schreiber häufig weit auseinander. Das ist in Ordnung. Denn letztlich reden wir über Freiheit und Demokratie. Von Oliver Haustein-Teßmer

Wir Journalisten ordnen Nachrichten ein und bewerten diese, damit Sie sich selbst eine Meinung bilden können. Das ist unser Job. So heißt es im brandenburgischen Pressegesetz (und ähnlich im sächsischen): „Die Presse erfüllt eine öffentliche Aufgabe insbesondere dadurch, dass sie Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt oder auf andere Weise an der freien individuellen und öffentlichen Meinungsbildung mitwirkt.“

Kritisieren ist also kein Selbstzweck von uns eitlen Schreibern, es geht Freiheit und Demokratie. Obwohl es natürlich Spaß macht, seine Meinung öffentlich mitzuteilen. Insbesondere dann, wenn daraufhin eine deutliche Reaktion erfolgt. Die meisten Leserbriefschreiber, die sich mit dem Kommentar meines Kollegen Werner Kolhoff, „Westen braucht zielgenaue Strategie gegen Putin“ (LR vom 19. März), befassen, sind allerdings nicht dieser Meinung. „Eine einzige Beleidigung der russischen Seite“, hat eine erboste Leserin geschrieben.

Gut, über den Tonfall eines Kommentars kann man streiten. Warum aber veröffentlicht die LR derart kritische Texte gegen Russland? Das hat auch mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zu tun. Die LR hat eine öffentliche Aufgabe. Ihre Freiheit zu berichten und zu kommentieren ist laut Artikel fünf als Grundpfeiler unserer Demokratie verankert. Was tun also Journalisten sinnvollerweise? Sie bewerten antidemokratische Tendenzen kritisch. Wie sonst? Die erneute Wahl Putins zum Präsidenten ist laut der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa mit Mängeln verlaufen, die russische Opposition geht in ihrer Kritik noch weiter. Unser Korrespondent nennt das im Kommentar „scheindemokratische Wiederwahl“. Zugespitzt, aber zutreffend.

Wie stehen Sie zu Russland? UMFRAGE

Bei der LR gehen wir mit einer bestimmten Haltung ans Werk. Das können Sie auf jeder Titelseite nachlesen: Wir verstehen uns als unabhängig. Aus meiner Sicht bedeutet das Zweierlei: Die Journalisten sollen sich, erstens, unabhängig eine Meinung bilden. Zwangsläufig ist das ein liberaler Ansatz, denn in der Redaktion gibt es individuelle, unterschiedliche Meinungen. Unabhängig heißt, zweitens: Wir hängen unser Fähnlein nicht nach dem Wind, selbst wenn eine Mehrheit der Leserbriefschreiber meinte, wir sollten putinfreundlicher werden.

Mit unserem journalistischen Freiheitsdrang lässt es sich allerdings gut vereinbaren, dass die Leserinnen und Leser anderer Meinung sind als wir. Eines können anhand der Vielfalt der Meinungen lernen: Es gibt keine allgemein gültige Wahrheit, die einen tief gehenden Streit wie um das Russland unserer Tage auflösen wird. Dazu bleiben stets zu viele Fragen offen, Fakten sind schwer zu prüfen oder gar manipuliert, siehe die Diskussion um die Vergiftung des früheren russischen Topspions Sergej Skripal in England. Uns Medienleuten bleibt nur, unklare Lagen als solche zu benennen und Kommentare mit nachvollziehbaren Argumenten aufzuschreiben. Den Lesern bleibt, ihre Meinungen aufzuschreiben und an leserbriefe@lr-online.de zu senden. Wir treffen eine Auswahl und behalten uns Kürzungen vor: Regeln, die wir als Vertreter der freien Medien aufstellen dürfen.

Die Wiedergabe nicht zutreffender Fakten aus Leserbriefen knicken wir uns; und wir verbreiten Lügen nicht mutwillig. Wenn wir Journalisten Lügnern begegnen, ob nun aus dem Kreml in Moskau, aus Washington, Berlin oder Cottbus, beginnt unsere Arbeit erst richtig.

Was die LR-Leser zum Thema denken:

Russen sind immer die Schurken

Völlig falsche Ansichten

Antirussische Propaganda

Wir brauchen Entspannung

Erinnerungen an die DDR

Kritiklose Putinfreunde