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| 19:26 Uhr

Unwort des Jahres 2018
Pranger für Brandstifter

 Lena Grundhuber
Lena Grundhuber FOTO: SÜDWEST PRESSE
Da hat Markus Söder nochmal Glück gehabt. Unwort des Jahres 2018 ist nicht der angebliche „Asyltourismus“, den er im bayerischen Landtagswahlkampf so gern anprangerte. Der Gewinner ist genauso gut. Von Lena Grundhuber

Oder schlecht: „Anti-Abschiebe-Industrie“. Das Wortungetüm hat Söders Parteikollege Alexander Dobrindt in die politische Debatte eingeschleppt, ebenfalls im Wahlkampf in Bayern. Ein „Kampfbegriff“, der suggeriere, dass mit der Unterstützung abgelehnter Asylbewerber Geld gemacht wird, so die Jury. Und noch infamer: Dass diese „Industrie“ Asylberechtigte überhaupt erst produziert.

Das aktuelle Unwort hat sich seinen zweifelhaften Sieg redlich verdient, auch wenn es nur pars pro toto für die Einschleusung rechter Begriffe in den Sprachgebrauch steht. Dabei geht es der Jury nicht darum, Verbotsschilder aufzustellen – wie sollte sie auch. Es geht ihr um ein möglichst öffentlichkeitswirksames, breites Nachdenken darüber, wie wir mit Sprache umgehen und was wir damit in der Realität anrichten. Wer den Begriff „Asyl“ systematisch negativ belegt, kratzt auch am Konsens über ein Grundrecht, trachtet danach, diesen aufweichen.

Die „Auszeichnung“ benennt nicht umsonst die Urheber und Verbreiter der Unwörter. Sie beharrt damit auf einem aufklärerischen Verständnis von Verantwortung.

Hier Ross und auch Reiter zu nennen, ist richtig so: Denn der Diskurs wird nicht von Geisterhand nach rechts gelenkt. Es sind Sprecher, die aktiv und kalkuliert dafür sorgen, dass sich rechte Begriffe in der gesellschaftlichen Mitte breit machen. Bester Beweis ist ein weiteres Unwort auf der Liste: „Menschenrechtsfundamentalismus“. Kein Söder, kein Dobrindt, auch kein Gauland hat das verbrochen, sondern Boris Palmer – ein Grüner. ⇥politik@lr-online.de