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| 15:45 Uhr

Leitartikel
Potemkinscher Tod

Ulrich Krökel
Ulrich Krökel FOTO: LR / Redaktion
Das irrwitzige Geschehen rund um die angebliche Ermordung des kremlkritischen Journalisten Arkadi Babtschenko in Kiew lässt die meisten Beobachter fassungslos zurück – zumindest im Westen. Aber selbst wer mit den Finten und Finessen postsowjetischer Geheimdienste einigermaßen vertraut ist, deren Methoden zwischen absoluter Kaltblütigkeit, Dreistigkeit und Bauernschläue schwanken, kann sich nach den Ereignissen nur im falschen Film wähnen.

Ein vorgegaukelter Potemkinscher Tod: Was die Ukrainer da am Mittwoch in Kiew aufgeführt haben, war eine Gaunerkomödie der allerschlechtesten Sorte. Man braucht sich nur noch einmal vor Augen zu führen, wie schockiert beispielsweise Frank-Walter Steinmeier, der sich gerade auf seinem Staatsbesuch im Land befand, auf die Nachricht vom „Tod“ Babtschenkos reagierte. Doch nicht nur der Bundespräsident, auch in der EU wird man sich fragen, ob auf ein Land, dessen Behörden zu solchen Taschenspielertricks greifen, dauerhaft Verlass sein kann.

Die naheliegende Antwort lautet: Nein. Der ukrainische Geheimdienst SUB hat dem eigenen Land folglich einen gigantischen Bärendienst erwiesen, dessen langfristige Folgen noch nicht abzusehen sind. Und das gilt völlig unabhängig davon, ob das SBU tatsächlich einen von russischer Seite angeheuerten Auftragskiller enttarnt und echte Anschlagspläne auf Babtschenkos Leben vereitelt hat. Wenn, wie der SBU behauptet, die Enttarnungsaktion seit Monaten lief, dann war die unwürdige Schau, bei der nicht einmal seine Familie eingeweiht war, erst recht überflüssig.

Nicht weniger bitter und trostlos ist im Übrigen die Erkenntnis, dass die Nachricht vom Mord an einem kremlkritischen Journalisten so absolut plausibel war, dass selbst die vorsichtigsten Agenturen die Falschmeldung verbreiteten. Es hat in der (wirklichen!) Vergangenheit schlicht zu viele vergleichbare Fälle in Russland und der Ukraine gegeben. Man erinnere sich nur an den im Jahr 2000 in Kiew enthaupteten Journalisten Georgi Gongadse, an die erschossene russische Reporterin Anna Politkowskaja oder den mit Plutonium vergifteten Ex-Agenten Alexander Litwinenko (beides 2006).

Und was ist aus alledem zu lernen? Die Realität in vielen Ländern des postsowjetischen Raums ist mit „normalen“ westlichen Maßstäben nicht zu messen. Man sollte deshalb künftig noch genauer hinsehen.

politik@lr-online.de