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Operation "Russische Krim"

FOTO: Stuttmann
Moskau. A ls "russischen Frühling" auf der Krim feiern Moskaus Staatsmedien den Machtwechsel auf der Schwarzmeer-Halbinsel. Doch viele Russen sehen die Politik von Kremlchef Putin in ihrer bisher gefährlichsten Phase überhaupt. Ulf Mauder

Di e Operation "Russische Krim" vollzieht sich in rasendem Tempo. Bisher bleibt Widerstand von der fast bankrotten Ukraine aus. Sie sieht zwar ihr Territorium verletzt. Eine handlungsfähige Armee hat die Ex-Sowjetrepublik aber nicht. Dabei fragen sich jetzt nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russland viele, ob die Machtübernahme durch moskautreue Kräfte auf der Schwarzmeer-Halbinsel das Ende oder erst der Anfang ist. Das Ziel einer Stabilisierung der Lage auf der Krim sei erreicht, die Machthaber in Kiew seien eingeschüchtert - Russland wolle doch gar keinen Krieg, heißt es im russischen Außenministerium. Es gebe einen "russischen Frühling", jubeln Moskauer Staatsmedien mit Blick auf die Krim, die viele Russen nach 60 Jahren wieder in ihrem Besitz glauben. Dass der Westen die schwerste Krise seit Ende des Kalten Krieges sieht, kümmert Kremltreue nicht weiter.

Moskaus Propaganda verbreitet immer neue Meldungen von ukrainischen Überläufern. In den russischen Regionen liefen Spendensammlungen für die Menschen auf der gebeutelten Krim. Sogar aus dem ukrainischen Kernland würden Zehntausende nach Russland übersiedeln. Unabhängige Quellen oder Beweise dafür gibt es nicht.

Regierungskritische Kommentatoren betonen, dass längst der Kreml die Strippen im Ukraine-Konflikt ziehe. Als Beispiel nennt der Militärexperte Pawel Felgenhauer die Mission "Russische Krim". Der Ex-Geheimdienstchef Putin habe ein Großmanöver angesetzt mit Panzern, Bombern, Kriegsmarine und 150 000 Soldaten und damit den Westen abgelenkt, um klammheimlich Soldaten auf die Krim zu bringen. Zu Tausenden marschieren inzwischen Uniformierte in der Autonomen Republik - obwohl der Kreml beteuert, es gebe keine Krim-Invasion. "Alles Lügerei", meint Felgenhauer in der kremlkritischen Zeitung "Nowaja Gaseta". "Es handelt sich um eine Eroberung der Krim . . . ohne irgendwelche ukrainischen Provokationen oder gewaltsamen Handlungen."

Im Getöse der Staatsmedien von der "Friedensmission" auf der Krim geht unter, dass viele Russen entsetzt sind wegen des von Putin angedrohten Militäreinsatzes gegen das "ukrainische Brudervolk". Auch in vielen Zeitungen der Moskauer Hauptstadtpresse schlägt Putin ein ungewöhnlich scharfer Protest entgegen. Russland habe sein stets gepredigtes Prinzip des Dialogs zur Lösung von Konflikten wie in Syrien und im Iran schwer verletzt - und den Grundsatz der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Die Rede ist vielfach von einem "imperialen Größenwahn Putins". Moskaus Machthaber seien nach dem Zerfall der Sowjetunion offenkundig vom Phantomschmerz über den Verlust des Imperiums "völlig wahnsinnig" geworden, meint die "Nowaja Gaseta". "Sie haben einen Schritt zum Selbstmord vollzogen."