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| 19:37 Uhr

Zum Besuch von Özil und Gündogan bei Erdogan
Ein Fehltritt – mehr aber auch nicht

Hagen Strauß
Hagen Strauß FOTO: LR / Redaktion
Die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben unter Beweis gestellt, dass jemand, der viel Geld verdient, nicht zwangsläufig auch schlau sein muss. Ihre Ehrerbietung für den türkischen Präsidenten Erdogan war ein klassisches Eigentor, um die Fußballersprache zu bemühen. Wer sich dafür entscheidet, in der deutschen Nationalmannschaft und nicht fürs Land seiner Vorfahren zu spielen, der kann Erdogan ein Trikot schenken, darf ihn aber nicht als „meinen verehrten Präsidenten“ bezeichnen.

Auch von Fußballprofis kann Fingerspitzengefühl erwartet werden. Und wenn es bei ihnen dafür nicht reicht, dann eben von ihren zahlreichen Beratern. Das Verhalten von Fußballern steht unter besonderer Beobachtung, weshalb sie umso mehr aufpassen sollten, wer sie vor welchen Karren spannen will. Sport ist oft auch politisch. Und sei es nur, weil Politiker für ihre Zwecke auf schöne Fotos mit den Aktiven hoffen. Da ist Erdogan keine Ausnahme.

Erinnert sei an Kanzlerin Merkel, die 2010 nach dem Spiel gegen die Türkei plötzlich in der Kabine der Nationalmannschaft auftauchte und dem halbnackten Özil die Hand schüttelte. Merkel wurde dafür heftig kritisiert, auch der DFB warf ihr damals Instrumentalisierung des Sports vor. Zu Recht.

Die Welle der Empörung gerade von politischer Seite ist ohnehin heuchlerisch, wenn man bedenkt, wer nicht schon alles einen Despoten hofiert hat, weil es angeblich politisch notwendig gewesen ist. Nichtsdestotrotz dürfte Özil und Gündogan die Aufregung eine Lehre sein.  Letzterer hat dies mit seiner Erklärung schon deutlich gemacht. Das Problem ist allerdings, dass andere nun versuchen, aus dem Fehltritt Kapital zu schlagen. Jene zum Beispiel, die schon immer behauptet haben, in Deutschland wolle niemand Jerome Boateng zum Nachbarn haben. Oder die Spieler wie Özil bei der Nationalhymne zum Mitsingen zwingen wollen. In der heutigen Zeit wird vor allem bei Sportlern mit Migrationshintergrund jedes abweichende Verhalten zum Skandal stilisiert und zur Hetze in den sozialen Netzwerken genutzt. Vor allem von den Rechten.

Gündogan und Özil haben beide im Laufe ihrer Karriere bewiesen, dass Doppelpass oder Migrationshintergrund überhaupt keine Rolle spielen für die Zugehörigkeit zu einem Team, das eine ganze Nation stolz macht. Wer nun also wieder das Lied von der rein deutschen Nationalmannschaft anstimmt oder von den beiden Spielern ein klares Bekenntnis zur freiheitlichen Grundordnung verlangt, der will in Wirklichkeit alle Migranten treffen und sie grundsätzliche ausschließen. Denen sollte man nicht auf den Leim gehen. Wer mit zur Fußball-WM nach Russland fährt, entscheidet zum Glück immer noch der Bundestrainer. Gündogan und Özil sind dabei. Was denn sonst. ⇥politik@lr-online.de