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| 18:23 Uhr

Österreichs Video-Affäre und die Folgen
Wie im schlechten Drehbuch

 Guido Bohsem
Guido Bohsem FOTO: LR
Auf einmal hebt sich der Vorhang und der Herr Minister und Vizekanzler steht im Ruderhemdchen da. Als der Rechtspopulist Heinz-Christian Strache noch keine Spitzenämter in Österreich wahrgenommen hat, wurde ihm eine Falle gestellt.

Wodka-selig plauderte er sich in einer gemieteten Villa auf Ibiza um Kopf und Kragen. Er ließ dabei eine Einstellung zu seinen künftigen Ämtern erkennen, die sich auch ein schlechter Serien-Drehbuchautor hätte ausdenken können.

Großspurig versprach er staatliche Aufträge, feuerte in Gedanken schon mal ein paar Journalisten und vermittelte seiner Gesprächspartnerin – einer mutmaßlichen russischen Oligarchen-Nichte – einen Eindruck davon, was in Österreich alles laufen könne, wenn Strache nur das Sagen habe. Mit dem Ausdruck „verstörendes Sittenbild“, wie ihn Bundespräsident Alexander Van der Bellen verwendet hat, dürfte das nach mitteleuropäischen Maßstäben noch freundlich beschrieben sein.

Straches erschreckend offene Bereitschaft zur Korruption, seine Verachtung für die Regeln und Normen seines Landes machten seinen Rücktritt unvermeidbar, nicht das Video selbst. Jemand hat Strache eine Falle gestellt, und er ist mehr als bereitwillig hineingetappt.

Tatsächlich wirft die Art und Weise, wie das Video entstanden ist, viele Fragen auf. Waren gewiefte TV-Scherzkekse die Täter? War es der politische Gegner in Österreich? Oder doch die Geheimdienste fremder Länder? Wer kann vor solchen illegalen Aktionen noch sicher sein – egal, ob es sich nun um Schauspieler, Sportstars oder Politiker handelt? Das Strache-Video zeigt sehr eindeutig, wie durch die neuen technischen Möglichkeiten weitere Brachen in die Privatsphäre geschlagen werden. Erpresserische Fotos oder Tonaufnahmen hat es natürlich auch schon früher gegeben. Der Unterschied ist aber, dass sie nun von so ziemlich jedem angefertigt werden können.

Der „Spiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“ haben auch deshalb genau geprüft, ob es sich um manipulierte Aufnahmen oder Fälschungen handelt, und sie haben abgewogen, was schwerer wiegt, das Recht des Privatmannes Strache oder die Bedeutung seiner Aussagen für Österreich und womöglich für ganz Europa.  Sie haben richtig entschieden, auch darin, nicht das gesamte Video zu zeigen, sondern nur die relevanten Passagen. ⇥politik@lr-online.de