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| 20:35 Uhr

Kommentar
Öffentliche Vorverurteilung

Bodo Baumert
Bodo Baumert FOTO: LR / Sebastian Schubert
Der Fall der getöteten Susanna sorgt derzeit deutschlandweit für Schlagzeilen. Verdächtig, den Mord an der 14-Jährigen begangenen zu haben, ist der 20-jährige Ali B., der kurz nach der Tat in den Irak geflüchtet ist und dort von kurdischen Sicherheitskräften verhaftet wurde.

Was seitdem eingesetzt hat, ist ein fast beispielloses öffentliches Zur-Schau-Stellen, das unseres Rechtsstaates nicht würdig ist. Der vom Boulevard schon zum „Mädchen-Killer“ ernannte Verdächtige wird das ganze Wochenende in allen Medien rauf und runter gezeigt, teilweise unverpixelt und mit vollem Namen. Der BKA-Vize fliegt persönlich in den Irak, um den 20-Jährigen abzuholen. Natürlich wird auch dies sofort verbreitet. Bei der Ankunft des Fluges in Deutschland sind Kameras dabei. Selbst Details des Geständnisses, das er vor ausländischen Sicherheitskräften abgelegt haben soll, finden umgehend den Weg in die Öffentlichkeit.

Glaubt noch irgendjemand an seien Unschuld? Eigentlich wäre das normal. Die Ermittlungen sind ja noch nicht einmal abgeschlossen. Zu klären wäre erst einmal, ob der 20-Jährige nach Jugendstraftrecht zu behandeln ist – dann gilt ein besonderer Schutz. In jedem anderen Fall würde ein solche öffentliche Vorführung wie derzeit einen Protest hervorrufen.

In Dubio pro Reo, im Zweifel für den Angeklagten, heißt es in unserem Rechtsstaat, nicht: in Dubio pro Pöbel. Dass Populisten und Hassverbreiter im Internet versuchen, den Fall Susanna auszuschlachten, kann nicht der Maßstab unseres Handelns sein – weder der Ermittlungsbehörden, noch der Justiz oder der berichtenden Medien. Diese öffentliche Vorverurteilung muss schnell enden. ⇥bodo.baumert@lr-online.de