ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:56 Uhr

Leitartikel Internationaler Frauentag
Noch lange nicht am Ziel

Werner Kolhoff
Werner Kolhoff FOTO: krohnfoto.de
Im 107. Jahr, in dem der Internationale Frauentag gefeiert wird, hat sich die Thematik weit aufgefächert. Das Frauenwahlrecht, um das es anfangs ging, ist fast überall eingeführt, in einigen Staaten der Welt aber immer noch nicht. In Ländern mit stark frauendiskriminierender Kultur und Religion geht es sogar noch um grundlegendste Rechte, wie das auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit.

Bei uns bleiben Doppelbelastung, schlechtere Entlohnung, Benachteiligung sowie Missachtung der sexuellen Selbstbestimmung die wichtigsten Probleme. Zwar gab es in den vergangenen Jahrzehnten eine sehr positive Entwicklung, doch war die nur deshalb so sprunghaft, weil auch Deutschland von einem niedrigen Niveau der Gleichstellung kam. Zu den Erfolgen gehören zum Beispiel die hohe Zahl der Studentinnen, der Kitaausbau oder der Zuwachs von Frauen in Führungspositionen. Im neuen Bundeskabinett werden fast die Hälfte der Minister Frauen sein, das Land wird seit zwölf Jahren von einer Frau regiert. Und dennoch ist die soziale Wirklichkeit vieler Frauen geprägt von Benachteiligungen. Man denke nur an die Alleinerziehenden. Jeder Fortschritt muss mühsam durchgesetzt und anschließend gehalten werden.

Frauenpolitik heute hat daher mehr mit Detailarbeit als mit politischer Demonstration zu tun. Gleicher Lohn, Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit, Aufwertung von Pflege- und Erziehungsberufen, bessere Berücksichtigung von Erziehungszeiten bei der Rente – das sind die nächsten Ziele. Manche Gender-Diskussion wirkt da abgehoben, etwa der Vorschlag, die Nationalhymne umzudichten. Ebenso mancher überzogener Beitrag in der Mee-Too-Debatte. Doch bevor man(n) sich darüber amüsiert: Es waren, angefangen mit der Begründerin des Frauentages Clara Zetkin, immer auch die Avantgardistinnen, die Demonstrantinnen, die die Gleichberechtigung vorangetrieben haben. Irrungen und Wirrungen wie bei jeder großen politischen Bewegung nicht ausgeschlossen.