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| 18:47 Uhr

Politik und Härte
Nahles war kein unschuldiges Reh

 Ellen Hasenkamp
Ellen Hasenkamp FOTO: MOZ
Es wird sich gerade viel geschämt in der Berliner Politik. Manche – wie Juso-Chef Kevin Kühnert – tun es demonstrativ per Twitter. Manche, die es womöglich wirklich ernst meinen mit der Scham, tun es eher im Verborgenen.

Persönliche Verantwortung nach dem Rückzug von Andrea Nahles mag nun ein jeder der Beteiligten mit sich selbst klären. Der Vorgang hat jedenfalls erneut die ganze Härte des politischen Geschäfts entblößt. Und das allgemeine Erschrecken darüber kann gewaltige Folgen haben.

Es gilt allerdings eine kleine Einschränkung des Anlasses zu beachten: Mit Nahles wurde kein unschuldiges Reh durch listige Jäger von der Lichtung gefegt. Die SPD-Frau war eine mit allen Wassern gewaschene Strategin der Macht, was jahrelang zu ihren Erfolgen beigetragen hat. Nahles hatte sich mit dem Vorziehen der Wahl zum Fraktionsvorsitz offensiv in einen Kampf gestürzt, und sie hat diesen Kampf verloren. Das ist, so brutal es klingt, ein Stück Normalität: In der Politik geht es nun mal darum, Mehrheiten zu organisieren.

Dennoch bleibt das Unbehagen. Und das liegt an den Umständen, die im Fall Nahles lauteten: unablässige Kritik aus den eigenen Reihen, gern auch anonym und gern auch sehr persönlich – diese Sprache, dieses Lachen, dieses Singen. Das offenbart übrigens ein weiteres Dilemma. Gewünscht sind angeblich Politiker mit Ecken und Kanten, „authentisch“ zu sein, gilt als höchst erstrebenswert. Doch die Folge von Ecken und Kanten ist eben, dass man auch mal hängen bleibt oder schlimmstenfalls kleine Kerben hinterlässt. Das aber ruft weniger Begeisterung hervor.

Hinzu kommt, dass sich nichts mehr versendet. Früher galt: Was es nicht in die Tagesschau schaffte, hatte praktisch nicht stattgefunden, war alsbald vergessen. Inzwischen bahnt sich aber selbst der kleinste Patzer auf einem abgelegenen Dorffest per verwackeltem Filmchen seinen Weg ins Netz. Und ist dann dort abrufbar; jederzeit und für alle Zeit.

Dabei reichen manchmal Kleinigkeiten. Die nettesten und wohl auch treffendsten Worte über Nahles hatte am Ende  Angela Merkel parat: „Ich finde, sie ist auch ein feiner Charakter.“ Dass diese versöhnlichen Sätze ausgerechnet aus dem Munde der CDU-Bundeskanzlerin kamen, ist ganz bestimmt etwas, wofür sich das ein oder andere SPD-Mitglied nun wirklich schämt.

⇥politik@lr-online.de