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| 14:07 Uhr

Kommentar Kanzlerin Merkel besucht Chemnitz
Mut und Verantwortung

FOTO: MOZ
Wo bleibt die Kanzlerin? Das hatten viele nach den Krawallen in Chemnitz gefragt. Jetzt war sie da. Von Stefan Kegel

Ist es zu spät? In besonders heiklen politischen Situationen ist das eine Frage, die sich oft nur im Nachhinein beantworten lässt. Wenn Angela Merkel jetzt also Chemnitz besucht hat – zweieinhalb Monate nach den Krawallen von Rechtsextremen und aufgebrachten Bürgern, dann stellt sich tatsächlich die Frage: Warum erst jetzt? Wagen wir einmal das Gedankenspiel, die Kanzlerin hätte sich unmittelbar nach den Ereignissen auf den Weg nach Chemnitz gemacht. Bei dem Hass auf Angela Merkel, der – ausweislich etlicher entsprechender Demonstrationen – in Teilen der sächsischen Bevölkerung herrscht, wären die Folgen unabsehbar gewesen.

Erst am Freitag erklärte Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang, wie gut vernetzt rechte Gruppen sind. Binnen Stunden könnten sie Zehntausende auf die Straße bringen.

Mit Merkel als Hassfigur vor Ort hätte es die größte rechtsextreme Demonstration in der bundesdeutschen Geschichte werden können. Es gibt Erfahrungen mit solchen Hexenkesseln. Die SPD-Politiker Heiko Maas und Sigmar Gabriel haben das 2016 in kleinerem Maß in Zwickau und in Salzgitter erlebt. Maas musste dabei in sein Auto flüchten, Gabriel zeigte Demonstranten den Stinkefinger. Beide Auftritte gingen nicht als leuchtende Beispiele des Dialogs in die Geschichte ein. Mut zu zeigen, ist wichtig in der Politik. Aber genauso wichtig ist Verantwortung.

Merkel hätte woanders billigen Applaus einheimsen können, wenn sie schon Anfang September nach Chemnitz gefahren wäre. Aber möglicherweise um den Preis, dass wehende Reichsflaggen und schwarz gewandete Glatzköpfe das Bild Deutschlands auf Jahre hinaus negativ geprägt hätten.

Nun war sie also dort. War es spät? Vielleicht. Aber zum Reden ist es nie zu spät.

⇥politik@lr-online.de