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| 19:53 Uhr

Kommentar zu Seehofer und der Tat in Frankfurt
Mitfühlen und handeln

 Guido Bohsem
Guido Bohsem FOTO: LR
Die schreckliche Tötung eines achtjährigen Jungen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof hat das Land erschüttert, schockiert, erzürnt.

Die Wut richtet sich auf den Täter. Sie wird befeuert durch die Sorge um die eigene Sicherheit, und vor allem die Sicherheit der eigenen Kinder. Sie wird geschürt durch die ohnmächtige Erkenntnis, dass es vor einer solchen Tat keinen absoluten Schutz gibt, dass niemand in absoluter Sicherheit leben kann.

Die Tat trifft auch deshalb so ins Mark, weil das Land zutiefst verunsichert ist. Es ist zerrissen in der Flüchtlingsfrage. Es ist geprägt von beständig sinkenden Kriminalitätsraten und einer steigenden Angst vor möglicher Kriminalität. Es ist gespalten in Lager, die sich allenfalls einig sind in der Ablehnung des anderen.

Dass Innenminister Seehofer nun seinen Urlaub unterbrochen hat, um mit seinen höchsten Sicherheitsbeamten Maßnahmen gegen Attacken wie die auf dem Frankfurter Bahnhof zu präsentieren, wirkt auf den ersten Blick übertrieben. Schließlich sind seine Ideen – mehr Polizisten, mehr Videoüberwachung, mehr Befugnisse für den Verfassungsschutz – alles andere als neu.

Auch räumt er bereitwillig ein, selbst nicht zu glauben, dass sie Mordattacken wie in Frankfurt verhindern könnten. Trotzdem war sein Auftritt richtig und wichtig, ja, definitiv notwendig. Seehofer war gewissermaßen als Seelentröster unterwegs, als Überwinder von Gräben, als politischer Verarbeiter der ohnmächtigen Wut.

Gute Politik braucht Pathos und Emotion und Mitgefühl. Sie muss Zeichen an der richtigen Stelle setzen und manchmal muss sie Handeln auch einfach nur suggerieren. Das mag einem sehr zynisch vorkommen, doch das Gegenteil ist richtig.

Ohne eine emotionale Ansprache, ohne eine direkte Anteilnahme lässt sich Politik nicht vermitteln – das haben die radikalen Kräfte im Land in den vergangenen Jahren deutlich besser erkannt als die Demokraten. Tatsächlich gehandelt wird ohnehin später, und die tatsächlichen Gesetze erst nach gründlicher Diskussion und in hoffentlich kühler Abwägung beschlossen.

politik@lr-online.de