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| 17:44 Uhr

Serotonin
Die Nichtunterwerfung

 Ida Kretzschmar
Ida Kretzschmar FOTO: LR / Sebastian Schubert
Zweifellos wird dieser zügellose Michel Houellebecq mit seinem neuen Roman wieder für heiße Diskussionen sorgen. Und auch wenn es – wie bei diesem Schriftsteller fast immer – andauernd und ausdauernd um Sex geht, lockt „Serotonin“ alles andere als Glückshormone hervor. Von Ida Kretzschmar

Im Mittelpunkt steht ein ermatteter Mittvierziger, der seine untreue herumvögelnde Freundin am liebsten aus dem Fenster seiner sterilen Wohnung werfen möchte. Stattdessen gibt er Wohnung und Arbeit auf, wirft alles hin, was ihn mit dieser Gesellschaft verbunden hat. Der Mann irrt herum, sucht in spätkapitalistischen Niederungen nach einer neuen Leichtigkeit, die es ihm möglich macht, (weiter) zu leben. Tabletten helfen dem Lebenssatten schon längst nicht mehr. Schlimmer: Sie haben ihm die Lust genommen. Lediglich das Hummusangebot eines exklusiven Supermarktes hält ihn bislang vom Suizid ab. Und doch geht es hier nicht nur um einen Menschen, der von allen Begierden und (damit?) von allen Gründen zu leben befreit ist. Wie auch in seinen Vorgänger-Aufreger-Romanen wirft der französische Schriftsteller aktuelle gesellschaftliche Debatten mit in den Ring. Gewalt, Extremismus, Verzweiflung und Wut über die EU-Politik, die Fliehkräfte der digitalen Revolution, die Verhärtung der Herzen... Dieser atemlos zusammengewürfelte, desillusionierende Roman, der sich in schamlosen Beschreibungen verflossener Sexpraktiken ergeht, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Man liest es mit Galgenhumor, wie dieser missmutige Held zwischen Zynismus, niederschmetterndem Nihilismus, Romantik und Trotz schwankt. Es wirkt wie Michel Houellebecqs Selbstinszenierung im verwüsteten Europa. Schon seit „Elementarteilchen“, erst recht aber seit seiner „Unterwerfung“ weiß man: Dieser Schriftsteller, mag man ihn gern lesen oder ihn als sexistisch und zerstörerisch empfinden, saugt aus dem Zeitgeist. Das erklärt wohl ein wenig den Hype um seine Bücher. Sie sind Provokation. Man muss sie nicht lieben, sich ihnen schon gar nicht unterwerfen. Aber gelesen haben sollte man sie schon einmal. Und dann die Schönheiten der Sprache und des Lebens woanders suchen.