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Merkels Geheimnis

Die Kanzlerin schnipst mit den Fingern, und schon ist der Saal der Bundespressekonferenz voll. Wie gut die Kanzlerin doch wieder drauf war, wie locker sie ist. Werner Kolhoff

Vorbei der bleierne Streit mit der CSU, vergessen, wie lustlos sie ihre vierte Kandidatur im vergangenen Winter verkündete. Der Nimbus Angela Merkels wächst und wächst. Von wegen Zenit überschritten, wie man dachte. Hinter dem Horizont geht es weiter. Scheinbar endlos.

Dabei hat die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende schon viel Mist gebaut in ihren zwölf Jahren. Politische Sprunghaftigkeit? Kann sie auch, siehe das Hin und Her bei der Atomkraft. Themenhopping? Man schaue sich nur an, mit welcher Inkonsequenz sie den Bildungsbereich beackert oder den Klimaschutz. Kommunikationsmängel? Darüber klagt seit der Grenzöffnung für die Flüchtlinge nicht nur Horst Seehofer, darüber klagt halb Europa. Vision? Wenig. Risikobereitschaft erst recht nicht. Diese Politikerin ist keineswegs eine Überfrau, nicht fehlerfrei und auch nicht alternativlos. Was ist Merkels Geheimnis?

Sie hat zweifellos ihre persönlichen Qualitäten. Eigenschaften, an denen andere Politiker scheitern - Eitelkeit, Geltungssucht, zwanghafte Profilierung - gehen ihr ziemlich ab. Keine Skandale, kaum verunglückte Sprüche. Zudem ist sie, obwohl Parteivorsitzende, parteipolitisch recht ideologiefrei. Keine Feindbilder, keine Wagenburgmentalität. Merkel ist eine Liberal-Bürgerliche. Von so einer fühlt sich eine Mehrheit der Deutschen gut repräsentiert. Sogar viele Sozialdemokraten, Grüne und Linke.

Aber diese persönlichen Eigenschaften sind nicht der Kern ihres Erfolges. Auch andere sind starke Persönlichkeiten, man denke nur an Frank-Walter Steinmeier, der jetzt Bundespräsident ist. Das Problem aller Herausforderer, auch von Martin Schulz, und Merkels eigentliches Geheimnis ist, dass das Volk keine Experimente will, solange alles halbwegs gut läuft. Und genau dieses Gefühl bedient Merkel perfekt. Mit ihrem Wahlkampf. Mit der Vermeidung kontroverser Themen. Mit ihrer Geduld in Konflikten. Mit ihrer Sachlichkeit. Sie wirkt lösungsorientiert, gut informiert und konzentriert. Auch am Dienstag in ihrer Sommerpressekonferenz wieder.

Aus diesem Wunsch der Wähler nach Sicherheit und Kontinuität lässt sich die derzeitige politische Stimmung viel besser erklären als aus krampfhaften Versuchen, Merkel zu überhöhen oder Herausforderer herunterzuschreiben. Aber diese politische Großwetterlage hält nicht ewig. Wenn Merkel abtritt oder dies auch nur ankündigt, ändert sie sich schlagartig. Schon Mitte der nächsten Legislaturperiode könnte es so weit sein. Keiner von Merkels möglichen Nachfolgern, ob von der Leyen, Kramp-Karrenbauer oder Spahn, genießt ähnliches Vertrauen. Und der Übergang in der Union wird nicht reibungslos verlaufen. Dann werden die politischen Verhältnisse in Deutschland wieder ins "Tanzen" geraten. Bis dahin aber beherrscht Angela Merkel das Parkett. So wie am Dienstag vor der Hauptstadtpresse: Allein und ziemlich souverän.

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