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| 02:41 Uhr

Merkel ist gegen Podolski chancenlos

Daumen rauf – auch im Netz: Lukas Podolski.
Daumen rauf – auch im Netz: Lukas Podolski. FOTO: dpa
Für Fußballer sind Soziale Netzwerke perfekte Werbeflächen, anderen bieten sie Gelegenheit, Nachrichten mit Freunden auszutauschen. Und Politiker? Die mühen sich, im Internet Aufmerksamkeit zu bekommen. Die RUNDSCHAU erklärt, warum das so unterschiedlich ist. Steffen Trumpf

Wie viele Politiker nutzen Social Media?
Bundestagsabgeordnete und deutsche Europaparlamentarier nutzen fast flächendeckend (95 Prozent) mindestens ein Soziales Netzwerk. Das hat der Politikberater und Blogger Martin Fuchs für seine Monitoringplattform Pluragraph.de ausgerechnet. 91 Prozent der Abgeordneten im Bundestag sind demnach auf Facebook, 62 Prozent haben dort eine eigene Seite. Etwa die Hälfte (51 Prozent) von ihnen sind auf Twitter aktiv, 42 Prozent nutzen Youtube.

Wie viele Menschen verfolgen diese Online-Aktivitäten?
Deutlich weniger als bei anderen öffentlichen Personen. Während etwa Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) - einst als Umweltminister ein Viel-Twitterer - etwa 65 000 Follower hat, erreicht Fußball-Weltmeister Podolski mehr als zwei Millionen. Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert - der aus politischer Sicht wohl wichtigste Twitter-Account in der Bundesrepublik - kommt auf gut ein Achtel der Podolski-Follower.

Warum ist das so?
Laut Fuchs gibt es für dieses Ungleichgewicht zwischen Politik und Fußball eine simple Erklärung: Für Fußball interessieren sich einfach mehr Menschen. "Wie viele Leute interessieren sich denn außerhalb von Wahlen für Politik? Die CDU hat 450 000 Mitglieder - die mehr als 60 000 Follower von Peter Altmaier sind dann schon sehr beeindruckend." Und die Kanzlerin? Der folgen auf Facebook anderthalb Mal so viele Leute wie die CDU Mitglieder hat." Das sei bemerkenswert.

Erklärung Nummer zwei: Die Bekanntheit von Politikern beschränkt sich meist auf Landesgrenzen. "Mesut Özil und Lukas Podolski sind internationale Marken", sagt Fuchs, "Volker Beck und Peter Altmaier dagegen eher national bekannt." Mangelndes Interesse und internationale Unbekanntheit sind aber nur zwei Gründe, warum Politiker online weniger erfolgreich sind.

Schuld sind sie auch teilweise selbst. "70 Prozent nutzen das falsch", sagt Fuchs. Viele seien schon zufrieden, wenn sie Twitter technisch begriffen hätten - das reicht aber nicht. "Es geht darum, online zuzuhören, das Ohr an Bürgern zu haben, sich mit fremden Parteimitgliedern auseinanderzusetzen. Dieses kulturelle Verständnis haben nur die allerallerwenigsten Politiker", sagt Fuchs.

Werden Politiker, die auf Sozialen Netzwerken aktiv sind, mehr beachtet?
Nein. Ein Forschungsprojekt der Uni Münster hat herausgefunden, dass Aktivitäten auf Facebook, Twitter oder anderen Plattformen während der vier Wochen vor der Bundestagswahl 2013 nicht zu einer häufigeren Erwähnung in den Medien geführt haben. "Politiker mit einer höheren Social-Media-Aktivität tauchen da nicht häufiger in den Online-Medien auf", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Günther, die das Projekt mit zwei Kollegen betreut.

Wen wollen Politiker im Netz in erster Linie ansprechen?
Die Kommunikationsstrategie von Politikern im Netz ist eine andere, sagt Fuchs. "Politiker, die Twitter begriffen haben, wissen, dass sie damit nicht alle Wähler erreichen. Steffen Seibert muss nicht 80 Millionen Wähler erreichen." Multiplikatoren sind wichtiger als Follower. Das Hauptaugenmerk richtet sich deshalb eher auf wichtige Journalisten und Meinungsmacher.

Was machen Politiker falsch?
Vieles. Unter anderem: Lieblos gepostete Pressemitteilungen ohne Bilder und Emotionen; Verlinkungen auf ihren Webseiten auf StudiVZ-Profile, obwohl es das Netzwerk schon seit Ewigkeiten nicht mehr gibt; keine kontinuierlichen Aktivitäten, sondern nur in Wahlkampfzeiten. "Wenn ich ein politisches Thema vertrete, muss ich darüber auf Social Media mitdiskutieren und das Thema auch begleiten", rät Fuchs. Er empfiehlt Politikern, etwas aus ihrer Sicht zu zeigen: Ein Foto vom Podium aus sei tausendmal interessanter als wenn ein Praktikant aus dem Publikum ein Bild vom Politiker mache. Und eine Frage komme eindeutig viel zu selten: "Was haltet Ihr davon?"

Wer macht es gut?
In jeder Partei gibt es Politiker, die online etwas drauf haben, sagt Experte Fuchs. CDU-Generalsekretär Peter Tauber mache ebenso gute Social-Media-Arbeit wie die Parteikollegen Altmaier, die rheinland-pfälzische Fraktionschefin Julia Klöckner und Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Bei der SPD stechen der Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil und Europaparlamentarier Matthias Groote positiv heraus, bei der Linken ist es etwa der thüringische Oppositionsführer Bodo Ramelow. Bei den Grünen machten unter anderem Volker Beck und Tabea Rößner eine gute Figur - und noch eine, findet Fuchs: "Wen ich wirklich smart finde, das ist Monika Herrmann, die Bezirksbürgermeisterin aus Berlin-Kreuzberg. Die hat sich zwar mehrmals in die Nesseln gesetzt, aber die lebt Social Media total."

Und wer noch, jenseits der Bundestagsparteien?
Diejenigen, die nicht im Bundestag sitzen oder medial oft ignoriert werden, schaffen sich im Netz eine eigene Bühne. Dazu zählt auch die NPD. Fuchs: "Die haben verstanden, dass die Medien sie schneiden. Die haben sich damit einen anderen Kanal geschaffen." Teilweise erzielten ansonsten eher unbeachtete Politiker Reichweiten, "die mit der "Tagesschau" mithalten können". Die münsterschen Forscher fanden zudem heraus, dass der kontrovers diskutierte AfD-Chef Bernd Lucke in diversen Blogs viel Aufmerksamkeit erhält.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier

Analyse: 95% der Bundestagsabgeordneten nutzen Social Media

Studie von Elisabeth Günther et al. von der Uni Münster 

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