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| 18:48 Uhr

Leitartikel
Mentalitätswandel nötig

 Dorothee Torebko
Dorothee Torebko FOTO: lr / LR
Wer heute um 10 Uhr von Berlin nach Stuttgart fahren will, braucht mit dem ICE sechs Stunden und zehn Minuten. Er zahlt dafür 153 Euro. Wer um 10.20 Uhr dieselbe Strecke fliegen will, ist in einer Stunde und 15 Minuten vor Ort: Er zahlt dafür 130 Euro.

Flugreisende sind – abzüglich der Wartezeit am Airport – nicht nur vier Stunden früher am Ziel, sie sparen auch noch 23 Euro. Kein Wunder, dass vor allem Geschäftsleute den Flieger der Bahn vorziehen. Die Grünen wollen das ändern und haben dazu ein Maßnahmenpaket vorgelegt. Zugfahren soll so attraktiv sein, dass Inlandsflüge überflüssig werden. Klingt vernünftig, denn Fliegen ist Klimakiller Nummer 1 und Kurzstrecken für Fluggesellschaften häufig unprofitabel. Doch so leicht ist es nicht.

Die Vorschläge der Grünen klingen wie ein Best-of der Forderungen zahlreicher Bahnverbände: Die Mehrwertsteuer für Zugreisen soll von 19 auf sieben Prozent gesenkt und im Gegenzug Kerosin besteuert werden. So könnte Bahnfahren billiger werden. Parallel dazu soll die DB mehr Züge in den frühen Morgen- und späten Abendstunden einsetzen, um Geschäftsleute anzulocken.

Doch hält das System Schiene überhaupt so viele Fahrgäste aus? Wohl kaum. Die Schiene ist derzeit nicht darauf vorbereitet, noch größere Menschenmassen zu transportieren. Bereits jetzt ist die Kapazität ausgereizt. Das zeigt sich täglich in den übervollen Zügen auf den Sprinterstrecken, bei denen man nur mit vorheriger Reservierung einen Platz ergattert. Die Bahn kümmert sich zwar darum, die Kapazität zu erhöhen. Doch die Mühe reicht nicht.

Die Probleme liegen tiefer. Die Bahn kämpft nicht nur gegen Personalmangel und ein marodes Schienennetz. Sie muss eine Politik ausbügeln, die jahrzehntelang auf andere Mobilitätsträger wie das Auto oder das Flugzeug ausgerichtet war. Die Bahn ist für viele nicht Verkehrsträger Nummer 1. Das zeigen allein schon die Schlagzeilen der letzten Monate: Obwohl Klimaschutz laut Umfragen das dringlichste aller politischen Themen ist, fliegen die Deutschen trotzdem so viel wie nie zuvor. Pendler stehen lieber stundenlang mit dem Auto im Stau, statt sich in den klimafreundlicheren Zug zu setzen. Unternehmen lassen ihre Mitarbeiter lieber kreuz und quer durch Deutschland fliegen, statt eine Videokonferenz einzuberufen.

Es braucht daher einen Mentalitätswandel auch unter den Nutzern von Verkehrsträgern. Natürlich muss dieses Umdenken einhergehen mit pünktlichen Zügen, funktionierenden Toiletten und moderaten Ticketpreisen. Doch solange die Bahn noch nicht so schnell ist wie ein Flugzeug oder so zuverlässig wie das Auto, bedarf es Geduld. Das beinhaltet auch mal, den Anschlusszug zu verpassen und auf den nächsten warten zu müssen.

⇥politik@lr-online.de