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| 20:18 Uhr

Leitartikel zu menschlichen Organen aus Tierembryos
Faszinierend und gruselig

 Günther Marx
Günther Marx FOTO: MOZ
Müssen wir damit rechnen, dass uns in Zukunft Mischwesen über den Weg laufen, wie wir sie aus der griechischen Fabelwelt kennen?

Das Vorhaben japanischer Wissenschaftler, menschliche Zellen in tierische Embryos zu injizieren und diese vom Muttertier auch austragen zu lassen, hat wieder eine Grundsatzdebatte über die Grenzen menschlichen Forschergeists entfacht.

Von einem „ethischen Megaverstoß“ spricht Mediziner und SPD-Gesundheitspolitiker Kai Lauterbach. Das Mitglied im Deutschen Ethikrat, der Moraltheologe Andreas Lob-Hüdephl, argumentiert, bei der Züchtung von Mensch-Tier-Mischwesen würden Gattungsgrenzen verletzt, was nicht zuletzt unser Selbstverständnis als Menschen berühre. Und dass die Forscher mit ihrem Experiment etwas beginnen, dessen Ergebnis im Zweifelsfalle nicht mehr zu kontrollieren ist, befürchtet der Mediziner und Molekularbiologe Jens Reich.

Dabei ist die Idee bestechend. Die Japaner wollen menschliche Zellen injizieren, damit diese sich im Tier zu menschlichen Organen entwickeln, die Menschen wiederum transplantiert werden können.

Das Experiment startet mit Mäusen und könnte bei Erfolg mit Schweinen oder Schafen fortgesetzt werden. Auf diese Weise könnten eines Tages etwa Herz, Leber oder Nieren „produziert“ werden – Organe also, auf deren Transplantation allein in Deutschland Tausende Patienten warten.

Schon jetzt, darauf verweist der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, auch er ein Theologe, werde Humaninsulin genetisch auf der Grundlage von Bakterien hergestellt oder werden Herzklappen von Schweinen beim Menschen eingesetzt. Am Mensch-sein ändere sich dadurch nichts. Er rät zu verbaler Abrüstung.

Eine kritische Begleitung, die auch einschließt, was wir Tieren bei solchen Versuchen zumuten, ist aber unabdingbar. Eine Grenze wäre erreicht, wenn sich menschliche Zellen im Tierkörper nicht auf das Wachstum von Wunschorganen eingrenzen lassen, sondern Nervenzellen im Gehirn des Tieres bilden und dort menschliches Bewusstsein entstünde, wie rudimentär auch immer. Das ist dann wirklich eine Vorstellung, die gruseln lässt.

politik@lr-online.de