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| 18:40 Uhr

Leitartikel
Mehr als ein Einkommen

 Tanja Wolter
Tanja Wolter FOTO: MOZ
Der Name klingt vielversprechend: „Solidarisches Grundeinkommen“ heißt das jüngste Projekt für Langzeitarbeitslose in Deutschland. Begrenzt ist es auf das Land Berlin und 1000 Teilnehmer. Doch der Regierende Bürgermeister Michael Müller vermittelt den Eindruck, er erfinde die Sozialpolitik mal eben neu. Von Tanja Wolter

Wer von dem Programm noch nichts gehört hat, hat allerdings auch nicht viel verpasst. Denn Müller greift mit neuem Etikett auf einen Ansatz zurück, den es schon lange gibt – und der unter Experten irgendwo zwischen Flop und wenig rentabel rangiert. Nur dass für das Berlin-Experiment pro Person noch mehr Geld benötigt wird als bei früheren Versuchen, „schwierige Fälle“ auf einem öffentlich finanzierten Parallelarbeitsmarkt zu beschäftigen.

 Nicht nur die ABM-Programme der 90er-Jahre sind dafür ein Beispiel. Ursula von der Leyen etwa versuchte es als Bundesarbeitsministerin mit der Bürgerarbeit. Forscher kamen im Nachhinein zu dem Schluss, dass dieses Modell Hartz-IV-Empfänger eher vom regulären Arbeitsmarkt ferngehalten hat als sie zu integrieren. Kostbare Zeit ging verloren.

All diese Maßnahmen hatten und haben dasselbe Manko: Es handelt sich um „zusätzliche“ Jobs, die erst erfunden werden müssen, weil der freie Markt sie nicht hergibt. Deutlicher kann man den „Teilnehmern“ nicht signalisieren, dass sie in der normalen Welt keinen Platz haben. Die Bundesagentur für Arbeit verfolgt inzwischen einen besseren Ansatz: Langzeitarbeitslose direkt in den ersten Arbeitsmarkt integrieren, auch in der Privatwirtschaft. Kostspielig sind die Zuschüsse dafür zwar auch. Aber die Menschen bleiben nicht Zaungäste einer Gesellschaft, die ihr Erfolgskonzept nun mal seit Jahrhunderten auf Arbeit aufbaut. Sie gehören dazu.

Auf der Prioritätenliste in Deutschland steht Arbeit bei den meisten Menschen auf Platz zwei – nach Familie und Partner. Geldverdienen spielt dabei eine große Rolle, es geht aber auch um Sinn, Wertschätzung und Struktur im Leben. Ob dieser hohe Stellenwert gut ist? Darüber muss man streiten dürfen. Einiges spricht dafür, dass wir es mit unserem Arbeitsethos übertreiben. Begriffe wie Arbeitswahn, Hamsterrad, Burn-out sind ja nicht im luftleeren Raum entstanden. Andererseits ist Urlaub nur deshalb so schön, weil er endlich ist.

Dass der digitale Wandel die Prioritäten verschiebt, ist – Stand heute – unwahrscheinlich. Studien deuten darauf hin, dass Roboter und Algorithmen nicht den arbeitenden Menschen an sich ersetzen, sondern dass nur andere Jobs entstehen. Damit wird auch die ewige Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen als Lohnersatz leiser. So spannend die Idee klingt: In Zeiten von Erwerbstätigenrekorden ist sie eher kurios.

Sprechen Fremde miteinander, wird oft als Erstes nach dem Job gefragt. Solange die Gesellschaft so tickt, sollte jedem eine Antwort darauf ermöglicht werden. Solidarisch ist es, wenn Politik und Wirtschaft hierfür an einem Strang ziehen, wenn sie das Menschenrecht auf Arbeit ernst nehmen. Pseudo-Jobs sind es nicht.