| 02:43 Uhr

"Made in Germany" wird schon wieder zum Zankapfel

Berlin. Es sieht aus wie eine Neiddebatte: Der Kraftprotz Deutschland steht seit Jahren wegen seiner hohen Ausfuhrüberschüsse in der Kritik. Die Diskussion ist – auch innerhalb der Europäischen Union – allerdings voller Missverständnisse. Thomas Kaufner / dpa/rdh

Der Stolz der deutschen Wirtschaft wird schon wieder zum Zankapfel in Europa. Ausgerechnet der Erfolg von "Made in Germany" in aller Welt soll für die Partnerländer Deutschlands ein Problem sein. Empört weist Berlin Brüsseler Kritik an den riesigen Überschüssen in der deutschen Handelsbilanz zurück - und sieht den obersten Eurohüter Mario Draghi auf seiner Seite, der schon im Herbst mahnte: "Den Stärksten zu schwächen, stärkt nicht die Schwachen." Dabei übersehen viele, dass es darum in der Debatte gar nicht geht.

Worum geht es in der Diskussion denn dann?
Eigentlich nimmt die EU-Kommission "wirtschaftliche Ungleichgewichte" aufs Korn. Hinter diesem sperrigen Fachbegriff steckt die Idee von Fachleuten, dass sich die Wirtschaft möglichst im "Gleichgewicht" befinden sollte. Das bedeutet zum Beispiel: Es werden genauso viele Produkte produziert, wie die Menschen davon kaufen wollen. Übersetzt auf die Beziehungen zu anderen Ländern hieße das: Ein Land verkauft genauso viel seiner Produkte an ein anderes Land, wie es von dort bezieht. Das ist in der Praxis aber selten der Fall, weil jedes Land seine Stärken und Schwächen hat.

Was kritisiert nun Brüssel an Deutschland?
Aus Brüsseler Sicht bringt Deutschland das Gleichgewicht durcheinander. Deutschland verkauft seit Jahrzehnten viel mehr Waren ins Ausland, als es von dort einführt. Unter dem Strich steht also ein hoher Exportüberschuss.

Warum ist die deutsche Exportstärke ein Problem für die anderen Euroländer?
Jede Maschine, die zum Beispiel Frankreich in Deutschland kauft, sichert Arbeitsplätze in Deutschland - aber nicht in Frankreich. Schon 2010 hatte sich Frankreich beschwert, das exportstarke Deutschland müsse mehr im Ausland einkaufen, um schwächere Länder Europas stärker zu unterstützen. Noch mehr Sprengkraft bekommt das Thema, weil inzwischen viele Länder Europas in puncto Leistungsfähigkeit auseinanderdriften. Vor allem der Süden Europas fällt zurück.

Muss Deutschland jetzt seine Ausfuhren schwächen?
Nein. Die deutsche Wirtschaft weist stets auf die Vorteile der deutschen Exportstärke hin. Denn in vielen Produkten "Made in Germany" stecken auch ganz viele Teile, die aus anderen Ländern eingeführt werden. In den Worten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK): "Deutschland ist Importeuropameister, importiert doppelt so viel wie Frankreich und ist in mehr als der Hälfte der EU-Länder bester Kunde."

Welche anderen Möglichkeiten gäbe es?
Der deutsche Staat könnte mehr für Investitionen im Inland ausgeben, zum Beispiel für Schulen oder neue Straßen. Die deutschen Unternehmen würden dann mehr Aufträge aus dem Inland bekommen und müssten weniger ins Ausland exportieren. Natürlich könnten andere Länder auch etwas für ihre eigene Wirtschaftskraft tun, um aus dem Schatten Deutschlands herauszukommen.

Wie geht Schwarz-Rot mit der Kritik um?

In einem Papier des Bundeswirtschaftsministeriums heißt es: Man werde die staatlichen Investitionen stärken und damit zum Abbau der Ungleichgewichte beitragen. So sollen die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur um fünf Milliarden Euro erhöht werden. Und die Bundesländer sollen um sechs Milliarden Euro entlastet werden, damit die mehr für Kinderbetreuung, Schulen und Hochschulen tun können. Schließlich soll der gesetzliche Mindestlohn dazu beitragen, dass die deutschen Verbraucher noch mehr kaufen können.