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Macrons Herbst

Leitartikel. Auf dem Kalender ist noch Sommer, doch für Emmanuel Macron ist es schon Herbst geworden. Der französische Präsident muss sich warm anziehen, denn ihm schlägt ein rauer Wind entgegen. Christine Longin

Drei Monate nach seiner Wahl ist der Staatschef in den Umfragen abgestürzt wie vor ihm kaum ein anderer Präsident in den vergangenen 50 Jahren. Die Hälfte der Franzosen ist mit den Entscheidungen des Staatschefs nicht zufrieden. Sogar François Hollande fiel nicht so schnell so tief.

Handwerklich hat Macron einiges richtig, aber auch vieles falsch gemacht. Richtig war seine Arbeitsrechtsreform, für die er nun grünes Licht im Parlament bekam. Dass das 3000 Seiten dicke Arbeitsrecht vereinfacht werden muss, darüber sind sich Experten seit Langem einig. Macron ging das Problem gleich nach seiner Wahl an und holte die Sozialpartner mit ins Boot. Eine Entscheidung, die man nur begrüßen kann. Draußen ließ der Staatschef allerdings die Franzosen. 65 Millionen Menschen ist der frühere Wirtschaftsminister eine Erklärung schuldig, was er genau reformieren will. Wer seine Maßnahmen per Dekret umsetzen will, muss sie vorher ausführen. Sonst wirkt er selbstherrlich.

Genau diese Selbstherrlichkeit ist auch Macrons größtes Manko. Sie bekommen die Franzosen vor allem bei den Budgetkürzungen bitter zu spüren. Scheinbar ohne Plan setzt die Regierung den Rotstift an. Er trifft Rentner und Studenten ebenso wie Beamte oder Gemeinden. Aus der Zeitung erfahren die Betroffenen, was da auf sie zukommt. Der Generalstabschef trat nach dieser Informationspolitik erbost zurück.

Schon ist von einer "Hollandisierung" Macrons die Rede. Kein gutes Wort für einen, der alles anders und besser machen wollte als sein Vorgänger. Doch sein stümperhafter Zickzack-Kurs, gut zu erkennen in der Sparpolitik, erinnert in der Tat an François Hollande. Die ersten drei Monate sind laut Meinungsforschern entscheidend für eine Präsidentschaft. Macron hat sie verschenkt. Noch kann er nachholen, was er versäumt hat. Die Arbeitsrechtsreform bietet ihm die Chance dazu. Ob er sie ergreift, wird sich im Herbst zeigen. Dann könnte für Macron ein neuer Frühling kommen oder auch ganz schnell Winter.

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