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| 17:34 Uhr

Leitartikel Zur Lage in der AfD
Ohnmächtige Spitze

 Dorothee Torebko
Dorothee Torebko FOTO: lr / LR
Kommentar. Leitartikel zur Lage in der AfD

Der Auftritt war pompös: Vornehmlich Männer schwenkten Deutschland-Fahnen, aus den Boxen dröhnte pathetische Musik, und „Höcke, Höcke, Höcke“-Rufe erfüllten den Raum. Dann marschierte der thüringische Landeschef Björn Höcke ein. Es war eine Machtdemonstration des Rechtsaußen und eine Kampfansage in Richtung Bundesspitze. Als Reaktion appellierten 100 Funktionäre in einer Petition, man möge den rechtsextremen Kräften doch Einhalt gebieten. Passiert ist wenig. Denn die Parteispitze wird sich hüten, sich vor den Landtagswahlen im Osten – im September wählen Sachsen und Brandenburger, im Oktober dann die Thüringer – öffentlich gegen Höcke und seinen „Flügel“ zu wenden.

Es ist kein Wunder, dass Höcke selbstbewusst auftritt. Bei den Landtagswahlen erwartet die AfD 20 Prozent und mehr. In Sachsen und Brandenburg könnte die Partei sogar stärkste Kraft werden. Politisch clever äußerte sich der Posterboy der vom Verfassungsschutz zum Verdachtsfall erklärten Gruppe „Flügel“ nicht zum „Aufruf der 100“. Stattdessen wartete er ab.

Schnell ruderten einige der Unterzeichner schon zurück. So betonte etwa Bundesvize Georg Pazderski ungeachtet des auch von ihm unterzeichneten Anti-Höcke-Appells die Bedeutung des „Flügels“. Er könne eine „ganz wichtige Rolle in der AfD spielen“. Die Worte klangen wie ein Klein-beigeben.

Tatsächlich muss der Konjunktiv, den Pazderski nutzt, ersetzt werden: Der „Flügel“ spielt eine wichtige Rolle in der AfD. Vor allem im Osten, wo Mitglieder der Gruppe den Ton angeben. Die westdeutschen Landesverbände können nicht annähernd die gleichen Erfolge aufweisen wie die ostdeutschen – obwohl sie zahlenmäßig überlegen sind. Das liegt auch daran, dass die Landesvorstände in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen einander zerfleischen. Hier kämpfen rechte Gesinnungsträger gegen Rechtsextreme – im Osten gibt es dieses Problem nicht. Hier dominiert Rechtsaußen.

Die Bundesspitze um Jörg Meuthen, Alice Weidel und Alexander Gauland ist um Mäßigung bemüht. Gauland richtete beim „Kyffhäusertreffen“ vor einer Woche mahnende Worte an die „Flügel“-Anhänger. Mit offen zur Schau gestellten rechtsextremen Gesinnungen würde man die bürgerlichen Wähler verlieren.

Nicht nur wurde er dafür auf dem Treffen ausgepfiffen, seine Worte sind auch heuchlerisch. Denn er hat den Aufstieg Höckes befördert, indem er ihn immer wieder als „Nationalromantiker“ verklärte und das Gefahrenpotenzial eines Menschen, der das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet, unter den Tisch kehrte.

So müssen die Bundesspitze und die 100 Unterzeichner die Muskelspiele von Höcke und Co. mitansehen. Denn sie wissen: Sollten sie selbst aus der AfD austreten, sind sie auf dem politischen Parkett verbrannt. Das mussten schon einige Ex-AfDler erleben, die erfolglos eigene Parteien gründeten. Deshalb wird die Spitze Höcke gewähren lassen. Die Frage ist, wie lange. Und wie lange das gut geht. ⇥politik@lr-online.de