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| 18:57 Uhr

Leitartikel zur Lage Alleinerziehender
Der politische Wille fehlt

Stefan Vetter
Stefan Vetter FOTO: LR / Redaktion
Es gibt viele Aufgeregtheiten in diesen Tagen. Über einen vermeintlichen oder tatsächlichen  Rassismus in Deutschland. Über Flüchtlinge und Ankerzentren im Allgemeinen. Oder das juristische und politische Tauziehen  um den abgeschobenen Gefährder Sami A. im Besonderen. Von Vetter

Von denen, die im Stillen einfach versuchen, den Alltag zu meistern und es dabei besonders schwer haben, ist weniger oder gar nicht die Rede. Dazu gehört zweifellos auch die wachsende Bevölkerungsgruppe der Alleinerziehenden. Umso mehr sollte man sich mit den Erkenntnissen beschäftigen, die das Statistische Bundesamt  jetzt über ihre Lage zusammengetragen hat.

Noch immer stellen Kinder ein ausgeprägtes Armutsrisiko in Deutschland dar. Auf  Ein-Eltern-Familien trifft das in besonderem Maße zu. Das ist die nüchterne Botschaft der  zahlreichen Tabellen, Daten und Grafiken.  Neu klingt das nicht unbedingt. Aber in der Gesellschaft wird es inzwischen eher mit Gleichgültigkeit wahrgenommen. Nun kann es sicher nicht verwundern, dass Alleinerziehende mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen haben.  Allein schon deshalb, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes auf sich allein gestellt sind. Aber, dass sie deshalb überdurchschnittlich häufig unter materiellen Entbehrungen, Überschuldung und anderen sozialen Makeln zu leiden haben, ist noch lange kein Naturgesetz.

Bei den Alleinerziehenden werden die Probleme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf  wie unter einem Brennglas sichtbar. Der Kita-Ausbau hat in den letzten Jahren zwar deutliche Fortschritte gemacht. Doch wenn die Öffnungszeiten von  Betreuungseinrichtungen kaum mehr als einen Teilzeitjob zulassen, dann ist das Problem gerade für Alleinerziehende eben allenfalls zum Teil gelöst. Mancherorts  regelrecht ein Fremdwort ist die   Ganztagsbetreuung  im Grundschulalter. Im Extremfall müssen Betroffene dann tatsachlich daheim bleiben und von staatlicher Stütze leben. Wenn fast jede dritte alleinerziehende Mutter keinen Job hat, aber mehr als die Hälfte von ihnen gern im Beruf stehen würde, dann zeigt das auch, wie groß das Beschäftigungspotenzial ist, das hier verschenkt wird.

In ihrer Koalitionsvereinbarung beteuern  Union und SPD, dass die Familien und Kinder im Mittelpunkt ihrer Politik stünden. Doch bei der Umsetzung ist vieles nur kleines Karo. Ein bisschen mehr Kinderzuschlag hier, Verbesserungen beim Bildungs- und Teilhabepaket dort. Wer als Alleinerziehender auf staatliche Hilfe angewiesen ist, der findet sich in dem  bürokratischen Gestrüpp ohnehin kaum noch zurecht. Not tut deshalb eine grundlegende Reform: die Einführung einer Kindergrundsicherung,  die alle  Vergünstigungen bündelt und mit steigenden Einkommen abgeschmolzen wird. Pläne dafür gibt es bei der Opposition und den einschlägigen Lobby-Organisationen schon lange. Noch fehlt es am regierungspolitischen Willen, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Die alleinerziehenden Wähler sollten der Koalition hier Beine machen. ⇥politik@lr-online.de