ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:21 Uhr

Leitartikel Zur sozialen Ungleichheit in Deutschland
Giftige Mischung

 Tanja Wolter
Tanja Wolter FOTO: MOZ
Im Bundestagswahlkampf 2017 war die soziale Ungleichheit ein Dauerbrenner. Heute finden die meisten Diskussionen rund um mehr Gleichheit und Gerechtigkeit wieder in der Nische statt. Eines der Themen aber legt gerade massiv an Brisanz zu: das Wohnen.

Was wiederum viel mit Einkommen zu tun hat. Gut bezahlte „High Potentials“ strömen in die Städte und beanspruchen immer mehr Wohnraum für sich – auf dass die Mietpreise steigen und steigen. Für weniger potente Gering- bis Normalverdiener bleibt da kaum Platz. Die Kräfte des freien Marktes, entfesselt durch staatliche Zurückhaltung, haben ganze Arbeit geleistet.

Die Wohnungsnot in den Städten entwickelt sich gerade zum Wutfaktor Nummer eins in diesem Land. Aktuell richtet sie sich vor allem gegen eine verfehlte Wohnungsbaupolitik und Miethaie. Doch mangels schneller Linderung der Probleme dürfte sie bald auch diejenigen erreichen, die sich das Wohnen in der Stadt leisten können, die „Besserverdiener“ und „Luxusmieter“. Wut und Neid liegen da dicht beieinander – eine gefährliche Mischung und ein Stärkungsmittel für politische Gleichmacher, deren Geschäft genau darauf basiert.

Der Staat hat es in den vergangenen Jahren zunehmend versäumt, das richtige Verhältnis herzustellen. Managergehälter sind ungedeckelt, Vermögen zu gering besteuert. Auch das fördert Wut und Neid. Im Bereich des Wohnens hat Deutschland lange Zeit vieles richtig gemacht – und im 21. Jahrhundert mit der Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus bisher alles falsch. Jetzt reibt man sich verwundert die Augen über das immer größere Gefälle. Selbst in kleineren Städten und in den Speckgürteln rund um die Großen geht es inzwischen um drinnen oder draußen, dabei sein oder nicht. Oder um das, was nach der Überweisung der Miete noch zum Leben übrig bleibt. Besonders traurig: Es wird viele Jahrzehnte brauchen, die entstandene Lücke zu schließen.

Fest steht aber auch, dass der Druck auf die Städte viel zu groß ist. IT-Dienstleister, Beratungsunternehmen, Forschungsinstitute – alle streben dorthin, bieten Arbeit an, verschärfen die Lage. Mehr sozialer Wohnungsbau kann deshalb nur ein Baustein sein. Wohnfragen sind auch Strukturfragen. Dem sozialen Gleichgewicht wäre viel geholfen, wenn es gute Jobs auch woanders gibt.