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| 18:49 Uhr

Leitartikel
Die langen Schatten

Stefan Vetter
Stefan Vetter FOTO: LR / Redaktion
Manche Daten in der jüngeren Geschichte haben sich regelrecht eingebrannt. Viele Deutsche dürften sich noch gut erinnern, wo sie am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, waren.

Auch der 11. September 2001 mit den furchtbaren Bildern vom Terroranschlag auf das New Yorker World-Trade-Center scheint bis heute allgegenwärtig zu sein. Anders der 15. September 2008. Bei den allermeisten ist er wohl ein weißer Fleck im Gedächtnis. Dabei hat die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor genau zehn Jahren mindestens ebenso tiefe Spuren hinterlassen wie die anderen beiden Ereignisse davor. Was als Immobilien- und Bankenkrise begann, setzte sich über eine weltweite Aktien- und Konjunkturkrise fort und mündete in eine politische Krise. Den Preis für diesen globalen Gau zahlen die Menschen bis heute.

Ohne Bankenrettung wäre das weltweite Finanzsystem kollabiert, und auch private Sparguthaben hätten sich in Luft aufgelöst. Ohne Niedrigzinsen wären wohl ganze Volkswirtschaften zusammengebrochen. Zu den Kehrseiten gehören eine riesige Staatsverschuldung vor allem im Süden Europas, aber auch erhebliche Verluste bei der indivduellen Vermögensbildung. Wenn man so will, ist die Rentendebatte in Deutschland dann auch zumindest indirekt ein Ausfluss der Lehman-Pleite. Genauso wie der Unmut über vielerorts rasant steigende Mieten. Aus einem Gebrauchsgut, nämlich einem Dach über den Kopf, wurde im Zuge der Krise immer stärker ein Finanzanlage-Produkt, dem mit einer Mietpreisbremse nicht beizukommen ist. Und natürlich nicht zu vergessen die Euro-Krise. Auch sie geht zum großen Teil auf den 15. September 2008 zurück.

Die größte Verheerung der Lehman-Pleite ist allerdings der Vertrauensverlust in staatliche und politische Institutionen. Das ungute Gefühl, dass sich die Globalisierung nicht beherrschen lässt, ist gewachsen. Genauso wie die Kluft zwischen Arm und Reich. Im Ergebnis bekommen Rechtspopulisten mit vermeintlich einfachen „Lösungen“ immer stärker Oberwasser. Von Donald Trump bis Alexander Gauland. Da wird die Rückkehr zum Nationalstaat gepredigt, als ob sich die Globalisierung damit auslöschen ließe. Und es werden „Sündenböcke“ vorgeführt – Flüchtlinge und Andersdenkende.

In den vergangenen zehn Jahren wurde zweifellos einiges getan, damit sich eine weltweite Banken- und Finanzkrise nicht wiederholen kann. Hilfsfonds, schärfere Kontrollen und strengere Eigenkapitalvorschriften für Geldinstitute. Das alles mag ungenügend sein. Aber die finanzmarktpolitischen Reparaturen wurden wenigstens angegangen. Soziale und gesellschaftliche Reparaturen dagegen stehen immer noch weitgehend aus.

⇥politik@lr-online.de