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| 02:39 Uhr

Lager in Libyen sind keine Lösung

Rund 180 000 Menschen sind im vergangenen Jahr über den gefährlichsten aller Wege nach Europa gelangt, das Mittelmeer. Rund 5000 sind dabei ertrunken. Werner Kolhoff

Diese Flucht ist Russisch Roulette. Gespielt wird es seitens der skrupellosen Schlepper, die die Menschen in überfüllten Gummibooten aufs Wasser schicken und ihr Leben der Reaktionsschnelligkeit der Hilfsschiffe aussetzen. Und die Retter halten dieses brutale Spiel mit jeder Bergung noch am Laufen, ob sie wollen oder nicht. Denn sie locken so immer neue Flüchtlinge auf diese Route.

Kaum einer der 180 000, mit Ausnahme vielleicht der Eritreer, ist politisch verfolgt, nur die wenigsten flüchten vor Kriegen. Und wenn, hätten fast alle in Nachbarländern Schutzmöglichkeiten. Das gilt vor allem für Zentral- und Westafrika. Die Verfolgungsgeschichten sind oft frei erfunden, die Papiere werden weggeworfen. In Wirklichkeit fliehen fast alle vor bitterster wirtschaftlicher Not und hoffen, mit einem Job in Europa ihre Familien daheim durchbringen zu können.

Europa versucht derzeit, die Küstenwache Libyens zu ertüchtigen, um die Boote noch an den Stränden zu stoppen. Das mag die Fluchtwelle etwas verzögern. Aber weder können die Menschen auf Dauer in Libyen bleiben, noch von Europa aus dorthin zurückgeschickt werden. Es ist ein instabiles Bürgerkriegsland, mit wenigen Möglichkeiten, schwarzafrikanischen Flüchtlingen zu helfen und noch weniger Bereitschaft dazu. Libyen ist für diese Menschen die Hölle. Und selbst wenn Europa, wie vom Bundesinnenminister vorgeschlagen, dort selbst Lager errichten und betreiben könnte, würde das nur zu einem Ausweichen des Trecks und der kriminellen Geschäfte der Schlepper nach Tunesien oder Marokko führen. Das könnte diese politisch fragilen Länder womöglich auch noch zum Kippen bringen und alles weiter verschlimmern.

Die Lösung kann nur ein Mix sein, zu dem Auffanglager in Nordafrika zwar in geringem Umfang gehören mögen, dessen Kern aber ein anderer sein muss: die konsequente Rückführung aus Europa in die Herkunftsländer. Es muss den Flüchtlingen aus Afrika klar gemacht werden, dass der Weg über das Mittelmeer nicht nur höchst gefährlich, sondern auch absolut sinnlos ist. Erst dann ebbt die Welle ab. Dafür müsste Europa mit den Herkunftsländern, etwa Nigeria, Kamerun oder Gabun, Abkommen ähnlich wie mit der Türkei abschließen. Geld und verstärkte Entwicklungshilfe gegen Kooperation. Auch direkte Rückkehrhilfen für die Betroffenen selbst können ein Beitrag sein, denn sie stehen bei einer gescheiterten Migration vor dem absoluten Nichts. Von der Schande ganz abgesehen. Und drittens muss es, um den Druck zu mindern, endlich einen legalen Weg geben, um nach Europa zu gelangen. Für echte politisch Verfolgte sowieso, aber auch für Menschen, die ein besseres Leben suchen. Ein solcher Ansatz ist langwierig, teuer und erfordert die Gemeinsamkeit Europas. Letzteres ist vielleicht das größte Hindernis für eine Lösung. politik@lr-online.de