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| 19:15 Uhr

Leitartikel zum Tierschutz
Das Tierwohl, die Moral und der Markt

Werner Kolhoff
Werner Kolhoff FOTO: LR / Redaktion
Ein Satz der Bewerberin um die Merkel-Nachfolge, Annegret Kramp-Karrenbauer, ließ in dieser Woche aufhorchen: Tierwohl dürfe nicht allein ein Thema der Grünen sein. „Das interessiert auch CDU-Wähler“.

In der praktischen Politik der Union und des Koalitionspartners SPD ist das noch nicht angekommen, wie die abermalige Verlängerung der Möglichkeit zur betäubungslosen Ferkelkastration zeigt, die die Große Koalition heute im Bundestag zur Debatte stellt.

Die Agrarlobby hat wieder ganze Arbeit geleistet. Wenn man Veränderungen schon nicht komplett verhindern kann, gilt es, sie so lange wie möglich hinauszuschieben. In diesem Fall noch einmal zwei Jahre. Obwohl das Verbot schon vor fünf Jahren beschlossen wurde und ab 2019 gelten sollte.

Weil dieses Gesetz vom Agrarministerium aber nicht entschlossen umgesetzt wurde, gibt es nun genug Argumente für die Fristverlängerung: Vor allem, dass die Alternativtechniken noch nicht ausgereift seien. Man kann darauf wetten, dass dem gestrigen Vorstoß von Agrarministerin Julia Klöckner gegen das Schreddern männlicher Küken ein ähnliches Schicksal droht. Obwohl hier überzeugende Alternativen vorliegen.

Das Schändliche an Ferkelkastration ohne Betäubung und Kükentöten ist: Sie sind vermeidbare Tierschutzverletzungen. Es geht nur um die Wirtschaftlichkeit. Dabei geht es nur um geringe Beträge, die gespart werden sollen. Drei, vier Euro beim Ferkel; ein, zwei Cent beim Ei.

Der Mensch isst Fleisch, die Verwertung von Tieren ist nicht zu vermeiden. Aber abgesehen davon, ob es immer so viel Fleisch sein muss, ist die große Frage, unter welchen Bedingungen dieses Fleisch hergestellt wird. Immer mehr Konsumenten fühlen sich unwohl damit, dass nicht alles Mögliche getan wird, um Tieren unnötiges Leid zu ersparen. Die sehr konsequente Politik bei diesem Thema macht auch einen Teil des Erfolges der Grünen aus.

Tierwohl ist nicht nur eine ethische Pflicht gegenüber Mitgeschöpfen. So seltsam es klingt, es ist auch eine humanitäre Frage. Wo Tiere gefühllos behandelt werden, wird bald die ganze Umwelt das Opfer primitiver Gedankenlosigkeit und gnadenlosen Kommerzes. Und am Ende der Mensch selbst. ⇥politik@lr-online.de