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| 13:27 Uhr

Der Brief als solches würde sich geehrt fühlen
Briefwimper bis Läusekamm

 Ida Kretzschmar
Ida Kretzschmar FOTO: LR / Sebastian Schubert
Briefe spielen im Leben von Reiner Kunze schon immer eine große Rolle. „So gut wie möglich Kunst (Literatur) machen, Brigitte, das ist uns aufgetragen.“ So ermutigte er in einer Korrespondenz seine Dichterfreundin Brigitte Reimann. Von Ida Kretzschmar

Dass dieser Brief aufgestöbert wurde, ist auch der Akribie von Kristina Stella zu danken, die sich schon vielfach für das Erbe der Schriftstellerin, die in Hoyerswerda den Roman ihres Lebens schrieb, starkgemacht hatte. Und so konnten in der Neuen Rundschau des S. Fischer Verlags zum ersten Mal die Briefe von Reiner Kunze an Brigitte Reimann abgedruckt werden.

Reimanns Briefe an ihn indes waren nicht mehr aufzufinden. „Wahrscheinlich habe ich sie, sobald sie beantwortet waren, zerrissen, damit sie bei einer Hausdurchsuchung nicht gefunden wurden und Brigitte belasten konnten. Das war zu bestimmten Zeiten Postalltag.“ So schildert es Reiner Kunze, als Kristina Stella sich bei ihm danach erkundigt. Und sie wird dabei nicht nur aufmerksam auf die Freundschaft zweier sensibler Künstler in politisch immer schwieriger werdenden Zeiten. Sie bemerkt auch Reiner Kunzes eigenwillige Beziehung zur Post, die er als „Läusekamm“ kennengelernt hatte, aber auch in so poetische Worte wie „Briefwimper“ zu fassen vermag. Und so widmete ihm Stella zu seinem 85. Geburtstag in diesem Jahr ein Essay „Der Brief als solcher würde sich geehrt fühlen“. Es erschien in der traditionellen Edition Toni Pongratz – postgelb ist das Cover – in einer signierten und nummerierten Auflage von 500 Exemplaren und ist mit bislang unveröffentlichten Briefumschlägen illustriert, individuell gestaltet von Reiner Kunze.

Seit DDR-Zeiten sind sie eine Tradition in der Familie Kunze, lernte Reiner Kunze seine Frau Elisabeth doch über Briefe kennen. Sie lebte in der Tschechoslowakei. Und es dauerte mehr als 400 Briefe, bis sie zusammen leben durften. Auch das ist in dieser kleinen, feinen Ausgabe zu erfahren. Gedichtauszüge und Zitate von Reiner Kunze, der 1977, entnervt von der rigiden Kulturpolitik der DDR den Rücken kehrte. Für sein umfassendes lyrisches, essayistisches und erzählerisches Werk erhielt er in der Bundesrepublik zahlreiche Literaturpreise, darunter den Georg-Büchner-Preis und den Friedrich-Hölderlin-Preis. Seine Lyrik und Prosa wurden in 30 Sprachen übersetzt.