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| 18:57 Uhr

Kommentar zum Brexit-Chaos und neuen Verhandlungen
Nicht nur in Berlins Interesse

Guido Bohsem
Guido Bohsem FOTO: LR
Auf Berlin zu setzen, war einer der vielen Fehler der Bre­xit-Befürworter. Noch vor dem Referendum zeigten sich Boris Johnson und seine Anhänger immer wieder überzeugt davon, dass Deutschland für einen möglichst reibungslosen Austritt Großbritanniens sorgen werde.

Schließlich sei dies im Interesse der deutschen Wirtschaft. Klar, gilt die Europäische Union in der kruden Vorstellung der Brexiteers doch als perfider deutscher Trick, um den Kontinent zu beherrschen und insbesondere die Briten kleinzuhalten.

In dieser Logik verblüfft es nicht, dass Premierministerin Theresa May als erstes nach Berlin fährt, um bei Kanzlerin Angela Merkel auszuloten, ob es noch Spielraum für Nachverhandlungen mit der EU geben könnte. Genau das hatte EU-Ratspräsident Donald Tusk zwar schon am Vortag freundlich, aber entschieden abgelehnt, doch wenn man die Deutschen . . . Die Regierungschefin der fünftgrößten Wirtschaftsnation der Welt geht die Klinken bei den Partnern putzen.

Tatsächlich profitiert Deutschland von der EU. Doch gerade weil das so ist, sind Nachverhandlungen definitiv nicht im deutschen Interesse. Damit die EU auch in schweren Zeiten bestehen bleibt, ist es wichtig, einen Ausstieg aus dem Bündnis schmerzhaft zu gestalten. Jeder Regierungschef eines Mitgliedstaates muss gewarnt sein, dass ein Exit seines Landes nicht gelingen kann, ohne die eigene Karriere aufs Spiel zu setzen. Die Bundesrepublik hat bislang nicht den geringsten Verdacht aufkommen lassen, dass sie beim Brexit auf eigene Interessen schielt und nicht die europäischen in den Vordergrund stellt. Diesen Kurs sollte sie fortsetzen.   politik@lr-online.de