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| 10:02 Uhr

Kommentar
Kreatives Gedenken ist wichtig 

Oliver Haustein-Teßmer
Oliver Haustein-Teßmer FOTO: LR / Sebastian Schubert
Cottbus. Der 9. November als künftiger Feiertag? Dieser Vorschlag aus Berlin ist absurd. Denn es geht darum, auf demokratische Kämpfe und Errungenschaften einzugehen und zugleich die Erinnerung an die Abkehr von der Zivilisation in der Nazizeit wachzuhalten. Von Oliver Haustein-Teßmer

Dieser 9. November bezieht sich auf wichtige Daten der deutschen Geschichte: die Novemberrevolution vor 100 Jahren, das Pogrom gegen Juden in Nazi-Deutschland 1938 und den Mauerfall vor 29 Jahren. Das ist ein Grund zum Gedenken.

Absurd wäre es, eines dieser historischen Ereignisse durch einen staatlich verordneten Feiertag hervorzuheben. Dies hat der Berliner Beauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Tom Sello, angeregt. Er will den Beginn einer friedlichen Umwälzung in der DDR besonders würdigen. Es geht ihm nicht darum, dabei das Erinnern an das Leiden der Juden – 1938 markiert die Abkehr der Mehrheit der deutschen Bevölkerung von der Zivilisation und den Weg in den Holocaust – zu unterschlagen.

Doch für die meisten Menschen hieße das schlicht: Wir haben dann frei. Ein Feiertag erleichtert zwar die Kalenderplanung von Politikern, befördert aber kein kreatives Gedenken. Genau dies aber ist notwendig. Novemberrevolution, das kennen die Menschen nur noch aus dem Geschichtsunterricht. Dennoch steht sie für den Beginn der parlamentarischen Demokratie in Deutschland.

Die Zahl der Zeitzeugen wiederum, die noch von Ausgrenzung und Vernichtung jüdischen Lebens zwischen 1933 und 1945 berichten können, nimmt ab. Wie sollen wir in einigen Jahren junge Menschen darüber aufklären, welches singuläre Verbrechen Vorfahren an Juden und anderen Minderheiten während der Nazizeit begangen haben? Vielleicht mit  modernen Medienkonzepten an Gedenkstätten, aber nicht mit einem weiteren Kranzniederlegungsdatum.

Es ist eine Überlegung wert, wie man auch des Mauerfalls besser gedenken kann. Er versinnbildlicht den Kampf um Menschenrechte, den eine bürgerbewegte Minderheit, bedroht von der DDR-Obrigkeit, tapfer angegangen ist. Eher aber gibt das Anlass für neue politische Debatten und Fragen der Kinder an Eltern, Großeltern und Lehrer. Stoff zum Nachdenken, und in wenig mehr Stolz auf diesen Freiheitskampf schadet nicht. Aber bitte kein neuer Feiertag!