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| 20:23 Uhr

Kommentar: Bolsonaro und brennende Regenwald
Angriffspunkt Handel

 Ulrike Sosalla
Ulrike Sosalla FOTO: MOZ
Als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ bezeichnete ihn US-Präsident George Bush zum „Erdgipfel“ 1992, Emmanuel Macron nannte ihn jetzt die „Lunge der Welt“.

Mit gutem Grund: Der Amazonas-Regenwald erstreckt sich trotz aller Rodungen immer noch über ein Gebiet, das 21-mal so groß ist wie Deutschland. In seiner Biomasse steckt so viel Kohlenstoff wie die Menschheit innerhalb von zehn Jahren verbrennt. Und er regelt den Wasserhaushalt in Südamerika: Da der Wald einen eigenen Regenkreislauf erschafft und aufrechterhält, würde seine Zerstörung zu einer Versteppung des Kontinents führen.

Das ist nach Jahrzehnten des Raubbaus kein abwegiges Szenario mehr. 16 Prozent des Regenwaldes sind bereits Grasland gewichen. Forscher schätzen, dass das Ökosystem einen Gesamtverlust von 25 Prozent verkraften kann bis es zusammenbricht.

Wenn die Europäer nun mit einer Art internationaler Oberaufsicht für die Region liebäugeln, gehen sie das Problem vom falschen Ende her an. Die EU ist auch in einer schlechten Position, um den moralischen Zeigefinger zu heben. Europa – und auch Kanada – hat seine Wälder seit Jahrhunderten dezimiert und ist deshalb umso mehr auf den Amazonas als CO2-Speicher angewiesen. Deutschland stößt jährlich pro Einwohner viermal soviel Kohlendioxid aus wie Brasilien.

Hinzu kommt: Ein solcher Eingriff würde keines Probleme des Landes lösen, die den Regenwald bedrohen. Die Flächen, die jetzt brennen, sind zuvor schon abgeholzt worden: von Rinder- und Sojafarmern, von Goldsuchern und Holzfällern. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ermuntert dazu, er will den Amazonas nutzen, nicht schützen.

Hier kann die EU ansetzen: Das Handelsabkommen mit dem Mercosur enthält bisher nur eine vage Klausel, die die Zollvorteile an die Einhaltung der Pariser Klimaziele koppelt. Aber Soja und Rindfleisch, die auf Kosten des Regenwaldes produziert werden, sollten gerade nicht zollfrei eingeführt werden dürfen. Stattdessen sollte die Einfuhr mit einer Sonderabgabe belegt werden, die zweckgebunden der Aufforstung dient.

Es wäre ein erster Schritt zu einem Wirtschaftssystem, dass die Kosten der Erhaltung der Erde berücksichtigt. Das mag unpopulär sein. Doch die Klimakrise lässt sich mit hehren Worten nicht lösen.

politik@lr-online.de