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| 19:39 Uhr

Kommentar Merkelbesuch in Polen
Unterkühlt

Das Beste am Treffen der Regierungen Polens und Deutschlands in Warschau war die Tatsache, dass es überhaupt stattgefunden hat. Denn nachdem sich in immer mehr Fragen konträre Positionen und Spannungen entwickelt haben – der umstrittenen Justizreform in Polen, der Forderung nach deutschen Reparationen für den Zweiten Weltkrieg  und dem Bau der deutsch-russischen Erdgastrasse Nord Stream II – hatten beide Seiten offenbar ein Interesse daran zu zeigen, dass man dennoch grundsätzlich aufeinander angewiesen ist.

Dass sich auf der Rekordhöhe von 110 Milliarden Euro befindliche Wirtschaftsaustausch ist dafür der am deutlichsten sichtbare Beleg und wurde deshalb von den Regierungschefs hervorgehoben. Im Frühjahr soll es eine große Wirtschaftskonferenz geben, die sich der gemeinsamen Entwicklung neuer Technologien widmen soll. Polen hat mehrfach betont, dass es nicht mehr nur verlängerte Werkbank deutscher Unternehmen sein will, und strebt nach noch mehr Dynamik. De facto gibt es östlich der Oder inzwischen den gleichen Fachkräftemangel wie hierzulande.Unverkennbar ist freilich, dass das Grundvertrauen abhanden gekommen ist, das es in den politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern schon einmal gab.

Außerdem zeigt sich, dass die Bundeskanzlerin nach ihrem angekündigten Rückzug auch im Ausland nicht mehr als die einstige Autorität betrachtet wird, sondern man schon überlegt, wer an ihre Stelle treten wird. Der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki trat ihr selbstbewusst entgegen und kündigte schon vor dem Besuch an, dass Polen künftig genauso deutlich seine Interessen vertreten werde, wie das Deutschland bisher mache. Aber vielleicht  ist es ja in der europäischen Wirklichkeit 2018 schon positiv, wenn Nachbarn überhaupt auf diese Weise nach Kompromissen suchen. ⇥politik@lr-online.de