| 12:05 Uhr

Briefwahl
Lieber spät als früh

Hagen Strauß
Hagen Strauß FOTO: krohnfoto.de
Wenn laut Bundeswahlleiter immer mehr Bundesbürger per Brief wählen, entspricht das auch einem gesellschaftlichen Trend: Nur keine Umstände, alles muss zügig und bequem zu erledigen sein, am besten von der Couch von Zuhause aus. Schöne, neue Welt. Das kann man gut finden, muss man aber nicht. Von Hagen Strauß

Denn wählen zu können ist mehr als nur sein Kreuzchen zu machen, den Zettel in einen Umschlag zu stecken und ihn dann per Post ans Amt zu schicken. Der Gang ins Wahllokal am Sonntag kann durchaus mit dem Gefühl verbunden sein, zusammen mit anderen etwas besonders Wichtiges zu tun. Das kann kein Brief ersetzen.

Diese Entwicklung macht den Parteien jedenfalls das Wahlkampf-Geschäft nicht leichter. Denn sie werden immer stärker in die Zange genommen von der wachsenden Zahl der Bürger, die die Flexibilität nutzen, und denen, die sich erst auf den letzten Metern festlegen.

Sicher, wer sich am Wahltag im Ausland oder sonst wo auf Reisen befindet, für den ist das Instrument der Briefwahl sinnvoll und auch notwendig, um teilhaben zu können. Doch je mehr  sich dafür entscheiden, desto stärker wird der politische Diskurs sich künftig verändern.

Wenn etwa vier Wochen vor der Wahl die Wahlzettel gedruckt sind und schon gewählt werden kann, sind viele politische Debatten noch gar nicht geführt; dann läuft der Wahlkampf noch nicht einmal auf Hochtouren, und die Positionen der Parteien sind mitunter noch nicht gänzlich klar. In vier Wochen  kann sich vieles verändern – inhaltlich, personell, demoskopisch.

Kurzum: Eine Briefwahl findet unter anderen Bedingungen statt als die Stimmabgabe am Wahltag. Das sollte jeder bedenken. Besser ist daher: Lieber spät als früh.⇥
politik@lr-online.de