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| 17:37 Uhr

Leitartikel
Kein Schuss, kein Tor

FOTO: LR / Redaktion
Die Kanzlerin stößt zunehmend an ihre Grenzen. Von Hagen Strauss

90 Minuten Angela Merkel sind wie 90 Minuten Nationalmannschaft gegen Südkorea bei der Fußball-WM in Russland. Reine Sachlichkeit. Keine Experimente. Das entscheidende Tor will einfach nicht fallen. Zu schwer die Beine, zu ideenlos der Sturm, zu satt wegen der alten Erfolge.

 Das jedoch vorweg: Angela Merkels 23. Bundespressekonferenz war zuallererst ein weiterer Beleg dafür, was die Kanzlerin auszeichnet, wie sie schon immer gewesen ist. Eine Geduldige, die die Konflikte lösungsorientiert und nicht brachial angeht. Merkel ist stets gut informiert und sehr konzentriert bei der Sache. Auch gestern wieder. Ideologie ist ihr fremd. Sie hat auf alles eine Antwort, wenn auch oft phrasenhaft. Das gehört zu ihrem kühlen Naturell. Aber: Merkel wagt sich nun mal nicht hervor. Ihr Kreativzentrum lahmt, wenn es ein solches je gegeben hat. Hauptsache, es geht halbwegs gut voran. Doch nicht einmal das war zuletzt noch der Fall.

 Ihre Pressekonferenz hat gezeigt, wie sehr ihr Verständnis von Politik im Moment an Grenzen stößt. Wie sehr es sie auch verwirrt, dass die Sprache verroht und damit zunehmend das Denken und unter Umständen das Handeln. Die politische Welt um Merkel herum tickt völlig anders als noch vor ein paar Jahren. Angela ist sozusagen alleine zu Hause, während die vermeintlich starken Männer ihre Allianzen schmieden, Bestehendes und Bewährtes kippen – und auch noch ein Horst Seehofer zum Angriff gegen sie bläst.

 Merkel antwortet darauf mit Beharrlichkeit, mit ihrer Leidenschaft, den Kompromiss zu finden. Dafür bittet sie um Verständnis, weil das nun mal die Demokratie ausmacht. Gestern erneut. Prinzipiell ist diese Haltung richtig, vor allem im internationalen Geschäft. Doch es gibt eben auch Momente, da muss ein Politiker mit der Faust auf den Tisch hauen; den Mut haben, das eigene Amt dadurch in Gefahr zu bringen.

Das hat Merkel beispielsweise im Konflikt mit Seehofer gescheut. Sie hat mit ihrer Richtlinienkompetenz lediglich gewedelt, aber sie nicht wirklich genutzt. Seehofer steht zwar nun als der Verlierer da, ohnehin wirkt er seit geraumer Zeit wie neben der Spur. Aber der Streit liegt auf Wiedervorlage. Merkels Risiko, das sich aus ihrem mitunter zu seichten Politikverständnis ergibt.

 Ansonsten gilt die alte Maxime: Weiter so. Die Kanzlerin setzt auf ihren (verblassenden) Nimbus der Kontinuität und Sicherheit in unruhigen Zeiten. Doch auch der erfordert mitunter Erfolge. Die sind jedoch Mangelware. Für die verbleibenden drei Jahre ihrer Kanzlerschaft, wenn sie bis zum Ende durchhält, muss mehr kommen. Vor allem, was die Bewältigung der Probleme im Inland angeht – von Pflege bis Wohnungsnot. Zu vielem, was die Bürger umtreibt, gab es in den 90 Minuten kein Wort. Kein Schuss, kein Tor. Wie bei der Nationalmannschaft gegen Südkorea.⇥politik@lr-online.de